Über das Buch

Nostalgia Magica – the taste of love erzählt die Geschichte eines kleinen Mädchens, das in Schottland bei seinen Großeltern aufwächst – umgeben von Geborgenheit, Erinnerungen und der leisen Magie des Alltags.

Im Zentrum stehen FQamilie, das Gefühl von Zuhause und eine Liebe, die langsam und leise wächst. Ein Kochbuch wird zum Schlüssel zwischen Vergangenheit und Gegenwart und verbindet Generationen auf eine besondere Weise.

Leseprobe

Auszug aus dem Roman „Nostalgia Magica – the taste of love“

Als es einige Tage später an der Tür klingelte, war Maron gerade aus der Dusche gestiegen und band sich ein Handtuch um, daher war Mira zuerst an der Tür. Maron hörte die Stimme von Frau Schulz und die eines unbekannten Mannes. Seltsam. Es war gar kein Kontrollbesuch mehr angekündigt worden. Plötzlich hörte sie, wie der Mann laut wurde und Mira ihn bat nicht so zu schreien. Aber was er genau sagte, verstand sie nicht. Er hatte einen starken Akzent und sprach ziemlich schnell. Es klang ernst. Maron verließ hastig das Badezimmer, um nachzusehen was los war und rannte direkt in die kleine Gruppe hinein. Dabei kam sie ins Wanken und wäre beinahe gegen die Flurgarderobe gestoßen. Eine große, prankenartige Hand packte sie am Arm und hielt sie fest. Als sie, ihr Handtuch fest umklammert, nach oben sah, blickte sie in zwei sehr ernste, grüne Augen.

»Danke. Und entschuldigen Sie bitte meinen Aufzug. Ich habe mich nur gewundert, dass es so laut ist«, räusperte sie sich.

»Es tut mir auch sehr leid, Frau Hira. Aber das hier ist…«, setzte Frau Schulz an, wurde dann jedoch forsch unterbrochen.

»Gavin Stewart. Ich hole jetzt mein Tochter ab«, sagte er und ging an den drei Frauen vorbei in Richtung Küche.

Seine Schritte waren schwer und laut. Es hörte sich fast schon beängstigend an, besonders deshalb, weil er mindestens zwei Meter maß und außerdem ein Kreuz wie ein Schrank hatte. Sein strenger Kurzhaarschnitt und der gepflegte, rote Vollbart, trugen zu dem mulmigen Gefühl noch bei. Doch was er da gerade gesagt hatte, entfachte bei Maron sofort eine unbändige Wut und sie ging ihm raschen Schrittes hinterher.

»Einen Moment mal, Sie Muskelprotz. Niemand kommt einfach in mein Haus spaziert und führt sich so unhöflich auf. Sie nehmen hier jetzt niemanden mit. Setzten Sie sich ins Wohnzimmer und warten bis ich mich angezogen habe! Verstanden?«, fuhr sie ihn an und zeigte auf die Glastür am Ende des Flurs.

Er blickte etwas irritiert auf sie hinab, atmete scharf ein und sah zu Frau Schulz.

»Bitte, Herr Stewart«, sagte sie besänftigend und wirkte dabei ebenfalls etwas aufgewühlt von der Situation.

Widerwillig stimmte er zu und ging mit Frau Schulz und der vollkommen überforderten Mira ins Wohnzimmer. Unterdessen eilte Maron ins Schlafzimmer und zog sich schnell etwas an. Als sie gerade in der Küche einen Höflichkeitskaffee kochte, kam Karlotta aus ihrem Zimmer geschlichen.

»Was war denn da los? Es war so laut.«

»Da bin ich mir selbst noch nicht so ganz sicher. Frau Schulz ist unangekündigt zu Besuch gekommen. Und ein Mann ist bei ihr. Ich horche erst mal was da los ist und dann kannst du dazukommen, wenn du möchtest. Okay?«

Karlotta nickte ernst und verschwand wieder in ihrem Zimmer.

»So, bitteschön«, stellte sie ihren Gästen und Mira einen Kaffee und ein paar Kekse hin.

»Und nun hätte ich gern gewusst, was das hier soll«, schlug sie einen sehr ernsten Ton an, setzte sich hin und sah sowohl Frau Schulz als auch Herrn Stewart an, der noch immer einen trotzigen Ausdruck im Gesicht hatte und Maron abschätzig musterte, als wäre sie eine störende Fliege auf seiner Windschutzscheibe.

Es schien, als wollte er zuerst etwas sagen, doch die Dame vom Jugendamt ergriff das Wort.

»Frau Hira, wie ich Ihnen neulich mittgeteilt habe, war Frau Lehmann bezüglich der noch fehlenden Dokumente sehr unkooperativ. Von daher sind wir als Jugendamt selbst aktiv geworden und als wir die Geburtsurkunde endlich erhalten hatten, stellten wir fest, dass Herr Stewart als Vater eingetragen war. Außerdem ist diese Geburtsurkunde in Schottland ausgestellt worden. Daraufhin haben wir ihn ausfindig gemacht, kontaktiert und er machte sich umgehend auf den Weg.«

Sie sah etwas verzweifelt aus und die Situation schien ihr sehr unangenehm zu sein. Maron wusste einige Momente lang gar nicht was sie sagen sollte. Denn was sich hier gerade anbahnte, gefiel ihr nicht. Sie sah sich den Mann ihr gegenüber genauer an. Er konnte kaum 30 Jahre alt sein. Er trug einen grauen Anzug, der um seine Schultern deutlich spannte und seltsam deplatziert wirkte. Sein Gesicht war kantig, die Augen grün und er hatte viele Sommersprossen, wenn sie momentan auch recht blass waren. Er sah Karlotta tatsächlich ziemlich ähnlich, das musste sie zugeben. Aber dennoch. Sie wollte einen besseren Beweis. Grundsätzlich hätte schließlich jeder rothaarige Mann behaupten können ihr Vater zu sein.

»Kann ich jetzt endlich sehen mein Tochter? Ich nehme sie mit mir heute.«, sagte er kühl und durchbohrte Maron dabei regelrecht mit seinem Blick.

»Mitnehmen? Wie bitte?«, sagte Mira erschrocken und sprach Maron aus der Seele.

»Frau Schulz, geht denn das so einfach? Ich bin schließlich im nächsten halben Jahr ihr gesetzlicher Vormund. Da habe ich doch ein Recht mitzureden, oder nicht?«, wandte Maron sich an die Sachbearbeiterin.

»Nun ja, das ist richtig. Aber wenn er wirklich ihr Vater sein sollte und alles an Formalitäten gemacht ist, dann darf er sie mitnehmen. Denn er hätte als Vater das ältere Recht.«

Sie war um einen ruhigen Ton bemüht, denn auch Herr Stewart sah sie augenblicklich etwas schärfer an.

»Also, egal was heute passiert. Karlotta bleibt noch hier, bevor er sie mitnehmen darf. Sehe ich das richtig?«, fragte Maron, nur um sicher zu gehen.

Frau Schulz bestätigte es.

»What? Nein. Sie gesagt ich nehmen mit mein Tochter. Ich will sie sehen. Now!«, wurde er etwas lauter.

»Ich bitte Sie! Mäßigen Sie sich«, versuchte die Dame vom Jugendamt einzuschreiten, doch er stand bereits auf und verließ das Wohnzimmer.

Maron sah, wie er die Tür zur Küche öffnete und hineinstürmte. Sie stand auf und eilte hinterher. Als sie in der Küche ankam, öffnete er gerade Karlottas Zimmertür.

»Hei! Warten Sie!«

Doch er war schon reingegangen. Maron ging mit in das Zimmer und sah Karlotta irritiert auf ihrem Bett sitzen, als Gavin auf die Knie ging und sein Gesicht wesentlich sanftere Züge annahm, als er sie betrachtete. Sie hätte schwören können, dass er nur mühsam Tränen zurückhielt.

»Hello, kleine Karlotta. Du kennst mich nicht. But, ich bin dein Father. Und ich möchte dich gern nehmen mit mir«, sagte er sanft und versuchte ihre Hand zu fassen.

Doch Karlotta zog sie zurück und sah hilfesuchend zu Maron.

»Was soll das hier? Wer ist der Mann?«, fragte sie und lief zu ihr.

Maron legte ihren Arm um sie und sah Gavin tadelnd an. Es war unglaublich, dass er einfach so mit der Tür ins Haus fiel. Hatte er denn keinerlei Feingefühl gelernt?

»Wie können Sie nur so sein? Sehen Sie nicht, dass sie schon viel durchgemacht hat? Das braucht Zeit. Wir müssen darüber in Ruhe sprechen«, versuchte sie so höflich wie möglich zu bleiben und bat Gavin inständig darum, wieder ins Wohnzimmer zu gehen.

Sein Blick verriet, dass er ihr Karlotta am liebsten entrissen hätte und sich mit ihr aus dem Staub gemacht hätte. Doch die Vernunft schien letztendlich zu siegen. Etwas widerwillig stimmte er zu. Dann forderte sie ihn auf möglichst ruhig zu warten, während sie Karlotta wieder in ihr Zimmer brachte und versuchte sie zu beruhigen.

»Ist das wirklich mein Papa? Mama hat nie was von ihm erzählt und jetzt taucht er auf einmal auf? Ich verstehe das nicht. Muss ich mit ihm gehen?«, fragte das Mädchen schon fast panisch.

»Ich verstehe das auch noch nicht so recht, Karlotta. Ich muss das mit den anderen im Wohnzimmer noch einmal besprechen. Und dann sehen wir weiter. Ich bin auch einfach davon überrollt worden.«

»Ich will nicht von hier weg, Maron. Ich will bei euch bleiben. Bitte!«, flehte sie und weinte fast dabei.

Das zerriss ihr regelrecht das Herz. Sie kniete sich vor das Mädchen und nahm ihre Hände.

»Karlotta. Ich verspreche dir, dass ich alles tun werde, damit du hier nicht wegmusst. Wir finden eine Lösung. Und wir werden sehen, ob der Mann im Wohnzimmer wirklich dein Papa ist«, sagte Maron und umarmte sie.

Dann gab sie ihr einen Kuss auf die Stirn, bevor sie wieder ins Wohnzimmer ging.

Dort angekommen, straffte sie die Schultern und fing noch einmal von vorn an. Sie stellte sich angemessen vor und ließ sich von Frau Schulz das genaue Vorgehen erklären. Außerdem erfuhr sie, dass Gavin ursprünglich aus einem kleinen Ort in Schottland kam, nun in Edinburgh lebte und Karlotta, seit sie ein Baby gewesen war, nicht mehr gesehen hatte, da Frau Lehmann ihm jeglichen Kontakt verweigert hatte, nachdem sie von ihrem Au-pair Jahr wieder nach Deutschland zurückgekehrt war. Sie hatte wohl Karlotta in Schottland geboren und war kurz darauf wieder abgereist. Näheres gab Frau Schulz nicht preis. Nur noch, dass Gavin mit Karlotta auch wieder in seine Heimat zurückkehren wollte. Was Maron und Mira überhaupt nicht gefiel.

»Das können Sie ihr nicht antun. Sie hat hier Freunde, ein mittlerweile kindgerechtes Umfeld und ihre Mutter. Auch wenn die vielleicht nicht gerade gut zu ihr war, liebt Karlotta sie und will sie auf keinen Fall verlassen«, merkte Mira an.

Doch Frau Schulz erklärte ihr, dass er das von Rechtswegen dürfe, sobald die Vaterschaft durch einen DNA-Test bestätigt und alle Formalitäten erledigt wären. Aber dies würde ohnehin noch einige Zeit in Anspruch nehmen. All das zu hören, schien auch Gavin nicht zu gefallen, da er offensichtlich davon ausgegangen war, dass er seine Tochter direkt mitnehmen konnte. Zu ihrem Glück ließ er sich dann doch noch von Frau Schulz erklären, wie es nun genau weiterging und einigte sich mit Maron darauf, dass er noch einmal allein zum Kaffee vorbeikommen würde und sie sich zu dritt mit Karlotta hinsetzen konnten, damit er und sie sich langsam kennenlernen konnten. Denn nur weil er ihr Vater war, hieß das noch lange nicht, dass sie ihm sofort vertrauensvoll in die Arme fiel.

»Ich werde vorher mit ihr reden und ihr erklären, wie die Situation ist. Aber von ‚nach Schottland gehen‘ sollte erst die Rede sein, wenn es wirklich spruchreif ist. Denn noch bin ich ihr gesetzlicher Vormund und wenn es nach mir geht, dann bleibt sie hier. In ihrem gewohnten Umfeld. Wo sie sich von den seelischen und körperlichen Schäden erholen kann, die ihr ohnehin schon zugefügt worden sind. Sie haben keine Ahnung, was ihre Mutter ihr angetan hat«, sagte Maron zum Abschied und hielt Gavins Blick stand, der sie regelrecht zu durchbohren schien.

»Gut. Morgen ich komme wieder und rede mit mein Tochter. Call me, wenn Sie sind zu Hause«

Er drückte ihr eine Visitenkarte in die Hand, auf der, neben dem Namen einer Firma, auch eine Handynummer stand, die mit Kugelschreiber ergänzt worden war.

Maron nickte knapp und schloss die Tür hinter Frau Schulz und Gavin etwas zu schnell. Aber sie hatte nicht noch länger ertragen können, diesen finster dreinblickenden Mann anzusehen, der so arrogant und viel zu stur war.

Miranda spülte in der Küche gerade die Tassen ab, als Maron entnervt schnaufend wieder in die Küche kam. Es war offensichtlich, dass sie beide nicht wussten, was sie nun tun sollten. Sie mussten das Ganze erst einmal sacken lassen, um zu begreifen, was hier gerade passiert war. Immerhin konnte es im schlimmsten Fall bedeuten, dass Karlotta bald gehen musste. Und zwar nach Schottland!

»Was meinst du denn passiert nun, Maron?«

Diese zuckte ihre Achseln und sank auf einen der Küchenstühle, während sie sich brummend die Schläfen massierte.

»Naja, morgen kommt er nochmal vorbei und will mit Karlotta sprechen. Hoffentlich legt er nicht wieder so einen unangenehmen Auftritt hin. Er hat sie total verschreckt«, schüttelte Maron den Kopf und strich sich ein paar feuchte Strähnen aus dem Gesicht.

Sie war vorhin nicht einmal dazu gekommen, sich die Haare zu föhnen, so plötzlich war sie aus dem Badezimmer gestürmt. Mira hätte vor Lachen beinahe losgeprustet, als Maron nur mit einem Handtuch bekleidet vor Frau Schulz und dem Schotten gestanden hatte. Doch irgendwie hatte ihr der große, rothaarige Mann zu viel Angst gemacht und als Maron dann noch fast hingefallen war und er sie so unsanft gepackt hatte, war ihr das Lachen im Hals stecken geblieben.

Wie sie diesem unhöflichen Kerl die Stirn geboten hatte, hatte sie schwer beeindruckt. Glücklicherweise hatte sich alles erst einmal geklärt, dank Marons Einsatz und dadurch, dass Frau Schulz Gavin etwas ausgebremst hatte. Wer weiß was geschehen wäre, wäre Maron nicht zu Hause und Mira ganz allein mit der Situation gewesen. Im spontanen Krisenmanagement war sie nicht besonders gut. Auf lange Sicht planen, sich ausführlich informieren und dann durch gute Vorbereitung punkten, das war ihre beste Waffe.

»Dann hoffen wir, dass er sich morgen benimmt. Aber ein bisschen kann ich auch verstehen, dass er so aufgeregt war. Ich meine, Maron, er hat seine Tochter fast neun Jahre lang nicht sehen dürfen. Wie hättest du dich da jemandem gegenüber verhalten, der dich davon abhalten will?«, gab sie trotz allem zu bedenken.

»Natürlich hast du recht. Ich war zu schroff zu ihm. Aber Karlotta ist mir und dir echt wichtig. Sie darf nicht einfach so verschwinden und wieder in ein neues Umfeld gesteckt werden. Das verkraftet sie nicht. Außerdem nervt der Typ mich mit seinem stechenden Blick und dem arroganten Getue«, grummelte Maron.

Mira musste unweigerlich schmunzeln. Sie wusste ganz genau, was ihre Freundin meinte. Doch sie wusste ebenso gut, wie stur und dickköpfig Maron selbst war. Wahrscheinlich reagierte sie deshalb so allergisch auf ihn. Sie waren ein Stück weit vom selben Schlag und konnten es nur schwer akzeptieren, wenn ihnen jemand versuchte ihre Pläne zu durchkreuzen. Natürlich ging es hierbei um etwas, das wirklich wichtig und groß war. Etwas, das keiner der beiden aufgeben würde. Das tapfere Mädchen mit den wilden, roten Locken und den wachen grünen Augen, namens Karlotta.

Mochte es auch grausam klingen sich darum zu streiten, zu wem ein anderer Mensch gehören sollte oder wann und mit wem dieser Mensch – in diesem Fall ein Kind – wo hin gehen musste. Karlotta hatte hier kein Mitspracherecht, obwohl es immerhin um ihr Leben und ihr Wohlergehen ging. Nur sah es das deutsche Rechtssystem leider nicht vor das Kind zu fragen, was es selbst wollte, sondern es entschied einfach. Hierbei wurde zwar abgewogen, wo das Kind theoretisch am besten aufgehoben war, wer ihm das Beste bieten konnte und welche Umgebung gut für es war. Aber es wurde sich nicht angesehen, wie derjenige, der es zu sich nahm, charakterlich war. Wer sagte denn, dass Gavin, auch wenn er Karlottas biologischer Vater war, wirklich derjenige sein konnte, der auch auf emotionaler Ebene am besten für sie sorgte? Außerdem wäre es sicher nicht klug, die Kleine schon wieder in eine neue Umgebung zu setzen, mit einem Mann, den sie kaum kannte. Zudem noch in ein vollkommen anderes Land!

Mira schüttelte den Kopf und verjagte die unangenehmen und viel zu komplexen Gedanken rasch wieder. Immerhin waren es in jedem Fall noch ein paar Wochen hin, bis sich all das überhaupt entscheiden konnte. Denn zu ihrem Glück war die Bürokratie hier sehr langsam und Anträge brauchten ewig, um geprüft und dann auch noch genehmigt zu werden. Und bis dahin konnten sie sich mit Gavin auseinandersetzen und ihn hoffentlich vorläufig von seinem Vorhaben abbringen. Wenigstens die Grundschulzeit sollte das Mädchen hier abschließen dürfen, bevor sie umziehen musste. Aber selbst daran wollte Miranda gar nicht denken. Sie hoffte einfach, dass sich alles zum Besten wenden und Gavin Karlotta in Deutschland lassen würde. Doch wie wahrscheinlich war das schon?

»Hei. Erde an Mira. Noch jemand zu Hause, dort oben?«, drang Marons Stimme zu ihr durch und riss sie aus ihren Gedanken.

Mira merkte, dass sie aufgehört hatte abzuwaschen und ihre Hände nur noch in dem warmen Spülwasser hingen, wo sie allmählich aufweichten. Sie zog sie aus dem Wasser und trocknete sich lachend ab.

»Oh je, na da war ich wohl viel zu fest in meinen Gedanken«, sagte sie und ließ das Wasser aus dem Waschbecken.

»Ich bin aber morgen nicht allein mit dem komischen Mann von vorhin, oder? Darauf hab ich keine Lust. Soll das wirklich mein Papa sein?«, fragte Karlotta etwas genervt, als sie zu dritt zu Abend aßen.

Es gab Sonnenblumenkernbrot vom hiesigen Bäcker, welches Maron mit Butter und Tomatenscheiben belegt hatte. Ein wenig Pfeffer und Salz dazu machten das einfache Essen immer wieder sehr lecker. Und selbst sie hatte das als Kind gemocht, obwohl man ihr sonst das Gemüse meistens hatte reinzwingen müssen.

»Nein, natürlich nicht. Ich bin mit dabei«, sagte Maron in ruhigem Ton.

»Und ob er wirklich dein Papa ist, muss erst noch mit einem DNA-Test überprüft werden. Aber ich denke ehrlich gesagt schon, dass er es ist. Schau ihn dir morgen mal ganz genau an. Ihr seht euch schon sehr ähnlich«, erklärte sie weiter und auch Mira stimmte dem zu.

Sie sagte Karlotta außerdem, dass sie Maron jederzeit sagen konnte, wenn es ihr zu viel oder unangenehm war, mit ihm zu reden. Niemand zwang sie dazu. Nur wäre es wichtig, dem Mann wenigstens die Chance zu geben, sich ihr richtig vorzustellen und sicher hatte Karlotta auch einige Fragen.

»Oh ja, die hab ich. Immerhin hätte er schon viel eher kommen können. Bevor es Mama so schlecht gegangen ist. Dann wäre sie heute bestimmt gesund«, sagte das Mädchen und wirkte mit einem Mal sehr traurig.

Maron und Mira sahen einander an und waren ratlos, wie sie darauf reagieren sollten. Sie kannten seine Geschichte schließlich selbst nur abschnittsweise und konnten nicht einschätzen, was alles geschehen war. Gavin würde ihr und Maron hoffentlich die Wahrheit erzählen und etwas Licht ins Dunkel bringen.

»Wir schauen morgen Nachmittag einfach mal, was er zu sagen hat. Und wenn er dich ärgert, setz ich ihn vor die Tür, okay?«, grinste Maron dann und brachte Karlotta damit sogar kurz zum Lachen.

»Okay.«

An diesem Mittwoch kam Maron gegen Zwei nach Hause und rief Gavin kurz darauf an. Sie erklärte ihm, dass Karlotta erst etwas später aus der Schule kam und er frühestens um Vier zu ihr konnte.

»Dann bis Vier«, sagte er knapp und legte gleich wieder auf.

Dieser unhöfliche Typ!

Maron brodelte schon jetzt innerlich, dabei war er noch nicht einmal da. Kurz nach Drei war Karlotta zu Hause und ging sofort in ihr Zimmer, um Hausaufgaben zu machen.

»Zu Vier kommt dann dein Papa. Dann lernen wir ihn gemeinsam ein bisschen kennen«, teilte Maron ihr mit und das Mädchen ließ ein leises »Okay« hören, wobei sie nicht einmal von ihrem Heft aufsah.

Unterdessen bereitete Maron Tee und Kaffee vor und stellte einen Marmorkuchen auf den Tisch, den sie aus einer einfachen Backmischung gemacht hatte. Für mehr war keine Zeit gewesen. Und sie sah auch nicht ein, Gavin fürstlich zu bewirten. Trotzdem war sie ein höflicher Mensch und immerhin war der Mann von dem Gedanken abgerückt, seine Tochter sofort einzusacken und mit nach Schottland zu nehmen. Vorerst.

»Bitte entschuldigen Sie, dass ich bin too late. Die Auto hier sind not easy to use. Die Lenkrad ist auf die falsche Seite und fahren auch«, murmelte Gavin, als er mit nur fünf Minuten Verspätung an der Tür klingelte und sein Mundwinkel deutete ein Lächeln an.

»Da der Großteil aller Länder rechts fährt, dürfte es wohl Ihr Land sein, wo alles falsch ist. Aber das lernen Sie schon noch«, sagte Maron schnippisch und setzte ein breites Grinsen auf.

»Sehr charmant.«

Gavin sah sie missbilligend an und drängte sich genervt an ihr vorbei. Heute trug er immerhin keinen Anzug, sondern ein schlichtes, schwarzes Shirt mit V-Ausschnitt und dazu eine ausgewaschene Jeans. Allein das machte ihn wesentlich glaubhafter für Maron. Er wirkte nun menschlicher, entspannter und nicht mehr so unnahbar. Vielleicht ging er jetzt auch etwas besser mit Karlotta um und war nicht mehr so unbeholfen. Sie war für einen Augenblick nicht mehr ganz so negativ ihm gegenüber gestimmt. Doch der war gleich wieder vorbei, als ihr die zwei knallpinken Geschenktüten auffielen, die er neben der Garderobe abgestellt hatte.

»Was ist da drin?«, fragte sie und ahnte schlimmes.

Gavin hob die Tüten hoch und ging in Richtung Küche.

»Nichts für Sie«, sagte er kühl.

Dann nahm er auf einem Stuhl am Fenster Platz, stellte die Tüten neben sich und hob herausfordernd die Augenbrauen. Seine blassgrünen Augen wirkten trotzig und ließen seine vielen Sommersprossen auf der hellen Haut stärker hervorstechen. Zudem trug er schwarz, was seinen ohnehin hellen Teint noch bleicher wirken ließ. Maron atmete tief durch und gab sich Mühe ruhig zu bleiben. Allein dieser Kommentar und sein Blick trieben sie fast zur Weißglut. Sie hasste es, wenn jemand ihr gegenüber ohne triftigen Grund dermaßen feindselig war.

»Das ist mir schon klar. Ich möchte nur verhindern, dass Sie sich blamieren. Sie kennen Karlotta nicht. Mit Ihren Geschenken könnten Sie sehr daneben liegen. Und das wird es nicht besser machen«, sagte sie und bot ihm die Stirn.

Sein Gesichtsausdruck wurde regelrecht steinern.

»Ich weiß schon selbst, wie ich umgehen muss mit mein Tochter. Danke.«

Maron hob abwehrend die Hände. Sollte er doch machen, was er wollte. Sie hatte versucht ihn zu warnen. Dann rief sie Karlotta und schenkte Tee und Kaffee ein. Karlotta setzte sich neben Maron an den Tisch und begrüßte den Mann ihr gegenüber schüchtern. Sie betrachtete ihn eingehend und schien abzuschätzen, wie wahrscheinlich es war, dass er wirklich ihr Papa war. Dann nahm sie einen Schluck von ihrem Tee und aß ein wenig Kuchen. Gavin hingegen hatte wieder einmal von abweisend zu sehr sanft gewechselt und wirkte überglücklich, dass er seine Tochter nun näher kennenlernen durfte.

»Karlotta, ich weiß I have beim letzten Mal dir Angst gemacht. Das tut mir leid. But, ich habe dir mitgebracht Geschenke und hoffe you’ll like it«, meinte er und stellte Karlotta die zwei Tüten vor die Nase.

Maron schüttelte kaum merklich den Kopf und widerstand nur mühsam dem Impuls sich die Hand an die Stirn zu schlagen. Sie zwang sich zu einem Lächeln, als Karlotta sie hilfesuchend ansah. Sie bedeutete ihr, dass es in Ordnung war und sie packte die Tüten aus. Zuerst kam eine Barbie mit rotkariertem Kleid zum Vorschein. Dazu gab es noch eine pinke Haarbürste für Karlotta und karierte Haarklemmen in Schleifenform. Maron sah, wie das Mädchen sich ein Lächeln abrang und sich bedankte. Dann stellte sie die Tüte direkt wieder weg. In Gavins Blick spiegelte sich Enttäuschung und Ärger wider. Er sah wohl allmählich ein, dass er nicht wirklich wusste, was seine Tochter mochte. Offenbar hatte er nur daran gedacht, dass sie ein Mädchen war und war sich sicher gewesen, dass Karlotta Puppen und dergleichen gefielen. Die zweite Tüte war nur bedingt besser. Darin fanden sich ein karierter Rock, eine karierte Mütze und ein Kuscheltierhund mit ebenso kariertem Halsband. Zumindest den Hund schien sie niedlich zu finden. Offenbar hatte Gavin vor seiner Einreise noch einen schottischen Souvenirshop leergekauft.

»Dankeschön«, sagte sie höflich und aß dann weiter ihren Kuchen.

Gavin wirkte verzweifelt und sehr niedergeschlagen. Ein wenig tat er Maron schon leid, auch wenn er zu ihr sehr kühl gewesen war. Doch noch bevor sie etwas dazu sagen konnte, begann Karlotta ihm plötzlich Fragen zu stellen.

»Du sagts, dass du mein Papa bist. Hast du schon einen DNA-Test gemacht, der das beweisen kann? Und warum kommst du jetzt erst, wo es Mama so schlecht geht und warum hast du ihr nicht von Anfang an geholfen? Hattest du keine Lust oder was?«

Sie klang gar nicht mehr schüchtern, sondern schon fast erwachsen und sehr skeptisch. Maron war selbst etwas verdutzt und blickte Gavin mit großen Augen an, der ebenfalls recht irritiert wirkte. Er schnappte nach Luft, sammelte sich einen Moment und begann dann mit sanfter Stimme ihre Fragen zu beantworten.

»Well, ich habe diese Test gemacht. Die Ergebnis braucht ein paar Tage. Aber ich kennen dich noch als kleine, süße Baby. Du warst geboren nur wenige Tage, da ist dein Mutter geflogen mit dir nach Deutschland. Sie has been Au-pair in Schottland und war bei eine Familie, wo ich hatte ein Freund. Ich habe mich sehr gefreut, als du bist auf die Welt gekommen. But dein Mutter wollte sein alleine. Ich habe geschrieben viele letters an dich und wollte dich sehen«, erklärte er etwas wirr.

Dass sein Deutsch ziemlich undeutlich war, machte es nicht leicht, ihm zu folgen und auch er schien zu bemerken, dass Karlotta Schwierigkeiten hatte, ihn richtig zu verstehen. Doch Maron wollte ihn reden lassen und sich nur im Notfall einmischen. Sie wollte nicht, dass Gavin dachte, sie habe etwas dagegen, dass er seine Tochter kennenlernte.

»Ich hab aber noch nie von dir gehört. Es gab keine Briefe und Mama hat gesagt, dass mein Papa ein mieser Typ ist und sich nicht für mich interessiert. Von Schottland weiß ich auch nichts. Und Mama hat auch nie was davon gesagt. Ich glaube das alles nicht.«

Karlotta verschränkte die Arme vor der Brust.

»But, Karlotta. Ich dich würde nie belügen. Ich bin so happy, dass ich dich sehe endlich. Ich weiß nicht warum dein Mama dir nichts hat erzählt von mir. Aber ich sage die Wahrheit. Du bist mein Tochter. Und ich möchte dich mit zu mein Heimat nehmen. We will live there. Du und ich«, versuchte er mit einem sanften Lächeln zu erklären.

Doch damit hatte er genau das getan, was Maron ihn gebeten hatte zu verschweigen. Und Karlotta reagierte entsprechend darauf.

»Was?! Hast du gesagt, dass ich nach Schottland muss? Mit dir? Nein. Nein. Nein!«, wurde sie immer lauter.

»Ich will hier nicht weg! Dich kenne ich doch gar nicht. Du bist ein fremder Mann und Maron ist so lieb zu mir. Ich hab sie gern. Und meine Mama ist hier. Ich verlasse meine Mama nicht!«, schrie sie schon beinahe, stand vom Tisch auf und rannte in ihr Zimmer.

Maron schlug die Hand vors Gesicht und atmete scharf ein.

»Sagen Sie mal, sind Sie irre?! Welchen Teil von ‚das Thema ist tabu‘ haben Sie nicht begriffen? Das Mädchen hat genug Probleme«, schimpfte sie.

Gavin sah schuldbewusst auf seinen Teller, auf dem noch immer unangetastet ein Stück Marmorkuchen lag. Er wirkte wie ein kleiner Junge, dem gerade klar wurde, dass er Mist gebaut hatte.

»Sorry. I forgot«, sagte er und fuhr sich durch das kurze, rote Haar.

»Ich war nur so happy to meet her. Ich möchte sie nicht wieder verlieren«, seufzte er und ballte eine Faust auf seinem Schoß.

Maron verstand ihn. Sie sah, dass er sich unheimlich über sich selbst ärgerte und auch, dass er Angst hatte, nun alles ruiniert zu haben. Er war aber auch unbeholfen mit Karlotta. Wo er sonst tough und überheblich wirkte. Zwar wollte sie Karlotta auf keinen Fall verlieren. Doch wenn er ihr Vater war, durfte sie sich nicht komplett querstellen, sondern sollte versuchen ihm zu helfen, eine Beziehung zu seiner Tochter aufzubauen. So erfuhr sie zumindest, ob er gut für ihr Wohl sorgen würde.

»Gavin. Ich glaube, für heute sollten wir es dabei belassen. Lassen Sie uns noch ein wenig spazieren gehen und darüber reden, wie es weitergehen soll. Karlotta braucht Zeit. Das ist alles zu viel für sie«, schlug sie vor.

Gavin schnaufte unglücklich und wäre wohl am liebsten sofort in das Zimmer seiner Tochter gestürmt, um auf sie einzureden. Er schien allerdings einzusehen, dass Maron recht hatte und stimmte ihrem Vorschlag grimmig zu. Maron ging noch einmal kurz zu Karlotta, um zu schauen, wie es ihr ging.

»Hei, Kleines. Alles in Ordnung?«, fragte sie, als sie die Tür leise hinter sich geschlossen hatte.

Karlotta wischte sich über Gesicht und Nase, bevor sie zu ihr sah.

»Nimmt er mich wirklich mit?«, fragte sie, ohne auf Marons Frage einzugehen und schniefte.

Maron setzte sich zu Karlotta aufs Bett und schloss sie in die Arme. Dann erklärte sie ihr, wie die Situation aussah.

»Wenn er wirklich dein Papa ist und er das Sorgerecht für dich bekommt, dann darf er dich theoretisch tatsächlich mit nach Schottland nehmen. Das sind die Fakten. Aber bis es so weit ist, vergehen noch einige Wochen, wenn nicht sogar Monate und ihr könnt euch besser kennenlernen. Und so lange bist du bei Mira und mir. Da kann er gar nichts gegen machen. Du gehst zur Schule, triffst deine Freunde, wir besuchen deine Mama und schauen, wie es ihr geht. Alles andere dauert noch etwas. Und ich glaube sogar, dass, wenn ihr ein bisschen mehr Zeit miteinander verbringt, du deinen Papa richtig gernhaben wirst. Da bin ich sicher.«

Maron machte eine kurze Pause und wischte Karlotta die Tränen von den geröteten Wangen. Sie wusste, dass sie ihr das alles erzählen konnte, ohne dass es Karlotta zu sehr aus der Bahn warf. Sie war schlau und würde sich ohnehin nicht mit undurchsichtigen Halbwahrheiten abspeisen lassen. Trotzdem war sie ein Kind. Das durfte man nicht vergessen.

»Karlotta. Ich werde immer für dich da sein. Und solange du noch hier mit uns lebst, kannst du jederzeit deine Tür zu machen und sagen, dass du deinen Papa nicht sehen möchtest. Aber gib ihm bitte eine Chance dich kennenzulernen. Er liebt dich sehr. Und hat dich sehr vermisst all die Jahre.«, sagte sie und konnte Karlotta ein Nicken abringen.

»Aber die Geschenke finde ich echt doof. Ich bin doch keine vier Jahre alt. Ich spiele nicht mit Puppen und so doofe Sachen trage ich schon gar nicht«, meckerte sie und Maron wusste, dass sie sich wieder etwas beruhigt hatte.

»Ich sag‘s ihm. Er kennt dich eben noch nicht. Das nächste Mal wird es sicher besser. Dann kannst du ihm erzählen, was du magst und was nicht«, schlug sie vor und lies Karlotta in Frieden, um sich wieder Gavin zu widmen, der noch immer wie ein begossener Pudel in der Küche saß.

Als sie sich an den Tisch stellte, sah er zu ihr hoch und wirkte auf einmal kein bisschen arrogant oder abschätzig mehr. Nur noch deprimiert. Maron gab sich einen Ruck und setzte ein schmales Lächeln auf.

»Na los. Gehen wir ein Stück«, sagte sie und er folgte ihr wortlos nach draußen.

In der Einfahrt sah Maron einen protzigen schwarzen Kombi stehen. Das musste sein Leihwagen sein. Er war sehr schief eingeparkt und versperrte fast das kleine Tor, aus dem sie rausgingen.

»Okay…«

Maron sparte sich jeden weiteren Kommentar darüber, wie lächerlich sie es fand, dass er solche Schwierigkeiten mit diesem Auto hatte.

Doch Gavin schien das zu merken und erklärte sich.

»Ich bin noch nie in anderem Land mit Auto gefahren. Also lachen Sie nicht. It’s difficult.«

Sie nickte nur grinsend und bog mit ihm in Richtung des Feldweges hinter dem Haus ab. Eine Weile liefen sie schweigend nebeneinanderher und atmeten durch. Es war schon nach 20 Uhr und langsam begann es zu dämmern. Maron warf einen Blick neben sich und sah, wie Gavin gedankenverloren die Hände in den Hosentaschen hatte und auf seiner Unterlippe herumkaute. Sein voller, roter Bart ließ ihn hünenhafter wirken, als er durch sein breites Kreuz und die muskulösen Oberarme ohnehin schon war. Seine Größe machte es nicht besser. Immerhin war Maron nur knapp einen Meter sechzig groß und Gavin locker zwei Meter. Sie fragte sich, ob es daran lag, dass sie sich so rasch von ihm angegriffen fühlte. Sie hatte nur wenig für muskelbepackte Kerle mit einem riesigen Ego übrig, die sich für die Größten hielten. Und Gavin hatte anfangs genau diesen Eindruck gemacht.

»Gavin, ich weiß, dass Sie denken ich will Sie von Karlotta fernhalten oder verhindern, dass Sie sie mit nach Schottland nehmen«, durchbrach sie die Stille.

»Yes. Das denke ich.«, antwortete Gavin unnötiger Weise und brachte Marons versöhnliche Haltung ins Wanken.

Argh…Du mieser, kleiner…! Okay, tief durchatmen…, sagte sie sich und riss sich zusammen.

Um des Friedens willen.

»Ich wollte darauf keine Antwort. Aber gut. Hören Sie zu. Ich kenne Karlotta schon viele Jahre als Patientin. Sie haben sicher gelesen, dass sie von ihrer Mutter schwer misshandelt wurde. Ich habe ihre Wunden versorgt, ihr Trost gespendet und immer gehofft, dass sie diesem Teufelskreis endlich entkommen kann. Denn Karlotta liebt ihre Mutter trotz allem und hält zu ihr. Es war Glück, dass sie endlich den Mut hatte die Reißleine zu ziehen und dass sie zu mir gekommen ist. Dieses Kind hat so viel durchgemacht, dass es für ein Leben reicht und von den psychischen Schäden möchte ich gar nicht reden.«

Gavin blickte sie an, als fragte er sich, wann sie endlich fertig war und schnaufte angestrengt. Maron blieb stehen und zog ihn am Arm zu sich rum, wobei sie feststellte, dass er sich wirklich sehr fest anfühlte.

»Was ich sagen möchte, ist folgendes: Gavin, ich möchte Sie nicht von Karlotta fernhalten. Ich möchte nur sicher sein, dass sie bei Ihnen gut aufgehoben sein wird und dass Sie sie nicht verletzen. Egal ob physisch oder psychisch. Ich möchte, dass Karlotta einen Vater bekommt, der sie wirklich haben will und nicht davonläuft, wenn es schwierig wird. Jemand, der sich der Verantwortung bewusst ist und weiß, wie seine Tochter tickt. Ich will sogar sehr, dass Sie sie gut kennenlernen. Aber ich habe Angst, dass Karlotta das nicht gut verkraftet, obwohl sie ein wirklich starkes Mädchen ist. Verstehen Sie mich?«

Maron sah ihn eindringend an und ließ seinen Arm rasch los, als ihr klar wurde, dass sie ihn die ganze Zeit über festgehalten hatte, während sie Gavin ihren kleinen Vortrag gehalten hatte.

Dessen Gesicht nahm plötzlich wesentlich sanftere Züge an und er lächelte sogar ein wenig.

»Ich verstehe sehr gut. Und es tut mir leid, dass ich war so angry. Ich war so glücklich endlich mein Tochter gefunden zu haben. Als die Jugendamt hat angerufen, ich war sehr froh. Jahrelang Karlottas Mutter hat mich abgewiesen und ignoriert mein Anrufe. Einmal ich war hier in Deutschland und habe sie besucht. Ich wollte mein Tochter sehen. Aber sie schlug die Tür zu vor mein nose und sagte, ich soll nie mehr kommen zu ihr. And now, das ist mein chance kennenzulernen Karlotta. Ich möchte da sein für sie. Ich möchte sein ein gute father«, sagte er, während sie weiterliefen, und Maron glaubte ihm.

Was würde er auch davon haben zu lügen? Das Jugendamt würde ihn ohnehin auf Herz und Nieren prüfen, da war sie sicher. Doch hier und jetzt wollte sie noch mehr über Gavin und seine Vergangenheit mit Frau Lehmann wissen. Wie war es dazu gekommen, dass sie gegangen war? Hatte Gavin Karlotta damals nicht haben wollen, weil er noch zu jung gewesen war?

Als sie an einem kleinen Teich in der Nähe angekommen waren, setzten sie sich ans Ufer und Maron fragte ihn über die Vergangenheit aus. Erstaunlicherweise erzählte er ihr alles bereitwillig und war plötzlich gar nicht mehr herablassend oder unhöflich. Nur sein schottischer Akzent und das gebrochene Deutsch machten es manchmal schwer, ihm richtig folgen zu können.

Gavin und Frau Lehmann, die mit Vornamen Johanna hieß, hatten sich kennengelernt, als sie ein Jahr als Au-Pair nach Schottland gekommen war und bei einer befreundeten Familie lebte und arbeitete. Über einen Kumpel hatten sie sich das erste Mal getroffen und waren oft ausgegangen. Johanna war eine sehr schöne und selbstbewusste junge Frau gewesen. Gerade Mitte 20. Gavin hatte sich Hals über Kopf in sie verliebt und ein paar Monate lief es gut. Es störte ihn nicht, dass sie älter war als er. Gavin machte seine Ausbildung bei einer großen Firma, die Alarmanlagen herstellte und Johanna ging ihrer Arbeit als Kindermädchen bei ihrer Gastfamilie nach. Eines Tages erzählte sie ihm unter Tränen, dass sie schwanger war, dass sie nicht bereit für ein Kind fühlte und es am liebsten gar nicht erst bekommen wollte. Doch Gavin, der gerade 21 geworden war und sich eine Familie, mit Haus, Frau und Kindern sehr wünschte, wollte dass sie das Kind bekam. Er schwor für sie und das Kind zu sorgen, machte ihr sogar einen Heiratsantrag, weil es in seiner Familie üblich war zu heiraten, wenn ein Kind unterwegs war. Außerdem war er in Johanna verliebt und sicher, dass sie das gemeinsam schaffen konnten.

Doch diese hatte nicht vor ihn zu heiraten und wirklich verliebt war sie auch nie in ihn gewesen. Sie hatte Spaß gewollt. Sie wollte sich ausleben und ihre Jugend genießen. Aber sie sicherte ihm zu, das Kind zu behalten. Wie er später erfuhr, war sie ihm mehrfach fremdgegangen, noch während ihrer Schwangerschaft. Er hatte die Welt nicht mehr verstanden, war er ihr doch immer treu gewesen und hatte sich eine Zukunft mit ihr aufbauen wollen. Er gehörte zu dieser aussterbenden Sorte von Mann, die noch heiraten und Kinder bekommen wollten. Ein Monogamist, bereits in jungen Jahren. So hätte Maron ihn niemals eingeschätzt.

»In die letzten Jahre ich war allein most oft the time. Ich habe gearbeitet und jetzt ich bin Chef von die Firma wo ich habe gelernt. Deshalb ich kann auch von Computer aus arbeiten und eine Zeit lang bleiben in Deutschland. But, ich muss zurück irgendwann. Und ich möchte mitnehmen mein Tochter und ihr zeigen mein Heimat. Maybe just for a weekend für die Anfang. Und dann wir sehen, wann sie kann für immer mitkommen nach Schottland«, sagte er abschließend und ließ Maron deutlich spüren, dass er kein unsensibles Arschloch, sondern lediglich ein liebender Vater sein wollte, der eine unglaublich harte Zeit hinter sich und nun einen Neustart nötig hatte.

»Gut. So wie ich Frau Lehmann bisher erlebt habe, scheint sie Karlotta hauptsächlich dafür zu bestrafen, dass sie auf der Welt ist. Ich kann mir also vorstellen, dass Ihre Geschichte wahr ist. Aber noch hat sie das eigentliche Sorgerecht und ich bin für ein halbes Jahr Karlottas Vormund, also die Erziehungsberechtigte. Damit Sie das Sorgerecht für Karlotta bekommen können, muss Frau Lehmann zustimmen, beziehungsweise muss es ihr durch das Jugendamt entzogen werden. Wir müssen in jedem Fall ein Gespräch mit ihr und dem Jugendamt führen. Dann sehen wir, wie es auf dem offiziellen Weg weitergeht. Was das Zwischenmenschliche angeht, werde ich Ihnen natürlich so oft es geht die Möglichkeit geben Karlotta zu sehen. Aber ich werde immer in der Nähe sein. Das müssen Sie akzeptieren«, erklärte sie sachlich und er stimmte zu.

»Aber ich hoffe sehr, dass wir beide nun besser miteinander umgehen können. Ich möchte nicht, dass wir gegeneinander arbeiten. Ich verstehe Sie, Gavin. Ich verstehe Sie sehr gut. Aber derzeit bin ich in der Mutterrolle für Karlotta und ich mache mir auch nur Sorgen. Also lassen Sie uns Hand in Hand arbeiten und für Karlotta da sein. In Ordnung?«, sagte sie und streckte ihm ihre Hand entgegen.

Er lachte auf und ergriff sie mit seiner großen Pranke.

»Sie sind eine strong little women, Maron. Ich mag das«, sagte er und Maron wurde ein wenig wärmer.

Er hatte sie zum ersten Mal mit ihrem Namen angesprochen und plötzlich bereitete ihr sein bärtiges Gesicht wesentlich weniger Unbehagen als noch vor einer halben Stunde. Vielleicht lag es aber auch nur daran, dass er im Licht der Abenddämmerung nicht mehr so bedrohlich und kalt wirkte. Seine Augen waren nun etwas dunkler und er lächelte sogar, was Maron ziemlich verunsicherte. Sie hatte Mühe ihr Herzklopfen zu beruhigen und entzog ihm schließlich räuspernd ihre Hand. Nicht dass er sie nur versuchte weichzukochen, damit sie Karlotta schneller gehen ließ. Maron musste vorsichtig sein.

»Karlotta liest sehr gern. Wenn Sie ihr eine Freude machen wollen, dann schenken Sie ihr etwas zum Lesen. Sie ist ein sehr schlaues und wissbegieriges Kind. Kaum typisch mädchenhaft. Außerdem schon sehr selbstständig und ziemlich erwachsen für ihr Alter«, sagte sie dann und versuchte damit zu überspielen, dass Gavin sie in Verlegenheit gebracht hatte.

»Oh. Dann sie ist like me. Das is awsome. Ich habe eine schöne Buch, die sie interessieren wird, ich denke. Und please, ich möchte ‚du‘ sagen. Diese Höflichkeitsform in eure Sprache is too difficult for me. Wir sagen immer you, zu jede Person.«, sagte er dann und machte eine wegwerfende Geste über seine Schulter.

»Und ich habe trotzdem respect«, ergänzte er, als er Marons Zögern zu bemerken schien.

Diese willigte in seine Bitte ein und erklärte ihm, dass es ihr im Grunde auch lieber war. Denn immerhin waren sie nahezu im selben Alter. Es stellte sich heraus, dass Gavin gerade erst 30 Jahre alt geworden war, also waren sie tatsächlich nicht allzu weit auseinander. Er war schließlich recht jung Vater geworden.

»Wenn ich bin ehrlich, ich habe gedacht du bist so 20 Jahr. Weil du bist so klein und zart.«

Maron sah ihn missbilligend an.

»Ich geb‘ dir gleich klein und zart. Ich kann auch ganz anders«, sagte sie und ballte eine Faust vor seinem Gesicht.

Er sah auf die Faust, dann auf Marons ernsten Blick und bekam einen belustigten Ausdruck in den Augen. Plötzlich legte er seine Hand um ihre Faust und diese verschwand vollständig in seiner Pranke. Nun konnte auch Maron nicht mehr ernst bleiben und brach in schallendes Gelächter aus. Gavin fiel mit seiner tiefen Stimme ebenfalls ins Lachen ein und Maron fühlte sich nun, mit dem Blick auf diesen großen, breiten Mann, tatsächlich recht klein und zart.

»Doch ich weiß, was du meinst. Wie ich gesagt. Du bist ein starke, kleine Frau. Ich respektiere dich. Auch wenn ich komme rüber sehr anders in die Anfang«, sagte er ungewohnt sanft.

Ach je. Wenn das so weiterging, begann sie noch ihn wirklich zu mögen. Dafür war jetzt nicht die Zeit. Karlotta musste wichtiger sein. Und der Schotte war ohnehin nur wegen seiner Tochter hier. Er würde rasch wieder fort sein, wenn die Sache geklärt war. Maron lockerte ihre Faust und zog sie unter Gavins warmer Hand hervor.

»Morgen bin ich bis abends arbeiten. Aber du kannst zum Abendessen kommen, wenn du Karlotta sehen möchtest. Freitag hab ich nachmittags frei«, informierte Maron ihn und diktierte ihm anschließend ihre Handynummer, damit auch er sich bei ihr melden konnte, wenn er seine Tochter besuchen wollte.

Natürlich musste er sich überwiegend nach Maron richten. Doch das schien ihn nicht zu stören.

»Sehr gut. Ich mache Home-Office für mein Firma am Tag. Also ich kann oft erst kommen nachmittags oder in the evening. Vielleicht wir können auch in die Stadt zusammen essen gehen am Wochenende«, schlug er vor und Maron nickte.

Karlotta würde sich bestimmt freuen in ein Restaurant zu gehen und für Maron war es auch schon eine Weile her. Einige Momente später machten sie sich schließlich auf den Rückweg und Maron war erstaunt, wie viel Zeit vergangen war. Es war schon fast dunkel geworden, als sie wieder an der Hofeinfahrt standen und Gavin in seinen Mietwagen steigen wollte. Doch dann wandte er sich noch einmal Maron zu.

»Eine Sache ich wollte noch sagen. Ich weiß ich habe gewirkt very, wie sagt man…arrogant? Ähm…Überheblich. But, ich bin eigentlich eher ein bescheidene Mann. It was ein lange Weg bis ich hatte ein so gute Position in mein Firma. Und ich wollte, dass die Jugendamt sofort sehen kann, dass ich Karlotta bieten kann ein gute Leben. Und die Leihauto war not my choice«, rechtfertigte er sich und Maron sah, wie unangenehm ihm sein Auftritt von gestern mittlerweile war.

Sie war erstaunt, wie einsichtig und reumütig er war. Gavin war wie ausgewechselt. Scheinbar hatte er tatsächlich nur auf dicke Hose gemacht, weil er dachte, dass man das von ihm erwartete. Aber sie hatte ihm den arroganten Kerl ohne Weiteres abgenommen.

»Ganz ehrlich. Ich hab dir geglaubt, dass du arrogant bist. Aber so wie jetzt gefällst du mir viel besser«, sagte sie und er grinste.

»Also, weil es natürlicher wirkt und Karlotta sicher den echten Gavin als ihren Papa kennenlernen möchte, meine ich«, ergänzte sie hastig, räusperte sich und Gavins Grinsen verblasste ein wenig.

Dann verabschiedeten sie sich voneinander und Maron hatte den Eindruck, dass er etwas enttäuscht war. Doch gleich im nächsten Moment musste sie auflachen, da der Mann sich anstellte wie der erste Mensch, um loszufahren. Er legte erst versehentlich den Rückwärtsgang ein und gab viel zu viel Gas. Dann bremste er scharf und versuchte knarrend den ersten Gang einzulegen, scheiterte jedoch und schnaufte entnervt. Maron klopfte an sein Beifahrerfenster. Er ließ es herunter.

»Noch nie mit Gangschaltung gefahren, hm?«

»Nope. Ich kenne nur Automatik«, grummelte er.

»Die Weg hierher was really bad. Die Leihfirma hatte kein Automatik mehr. But, I’ll learn that fast«, fügte er hinzu, startete einen neuen Versuch und würgte das Auto zum wiederholten Male ab.

»Nein, du musst die Kupplung ganz langsam kommen lassen. Schön mit Gefühl«, sagte Maron, als er es noch einmal versuchte.

Gavin warf ihr einen leicht verzweifelten Blick zu. Er war es als großer, starker Mann sicher nicht gewöhnt, dass er etwas nicht konnte, das mit Technik zu tun hatte.

Hallo Klischee.

Dann atmete er tief durch, trat die Kupplung durch und legte den ersten Gang ein.

»Sehr gut. Und nun nimm langsam den linken Fuß von der Kupplung und gib mit dem rechten Fuß vorsichtig Gas. Nur ganz wenig«, erklärte Maron und sie sah, wie seine Kinnmuskulatur sich anspannte.

Doch er tat, was sie ihm sagte. Tatsächlich schaffte er es, ohne den Wagen erneut abzuwürgen, von der Stelle zu kommen. Gleich darauf versuchte er in den zweiten Gang zu schalten und gab dabei sehr viel Gas. So viel, dass der Motor laut aufheulte. Maron zuckte zusammen, weil sie fürchtete, dass die Nachbarn sich beschwerten. Sie waren hier sehr empfindlich, was Lärm anging. Sie hatte nur einmal in der Mittagsstunde am Wochenende den Rasen gemäht und über einhundert Meter weiter war jemand aus seinem Haus gekommen, um zu brüllen, dass nun Mittagsruhe sei und sie zu fragen, was sie sich einbilde, sich darüber hinwegzusetzen.

»Okay, das reicht, Gavin. Stopp!«, sagte sie mit Nachdruck und er stellte das Auto, welches nun schon halb auf der Straße stand, ab.

»What?«, fragte er gereizt.

»Ich bekomme echt Ärger mit meinen Nachbarn, wenn du weiter so laut mit dem Auto bist. Setz dich auf den Beifahrersitz, ich fahre dich zu deinem Hotel. Ich lade mein Fahrrad in den Kofferraum und fahre damit zurück.«

»But, das ist doch viel zu…«, fing er an, doch sie unterbrach ihn gleich wieder.

»Wir machen das jetzt so und fertig«, sagte sie in schärferem Ton als beabsichtigt und holte ihr Fahrrad.

Als sie es in den Kofferraum laden wollte, klappte Gavin die Rücksitze für sie um und half ihr. Dann setzte er sich wortlos wieder ins Auto und wartete auf sie. Maron gab Karlotta Bescheid, dass sie noch einmal kurz unterwegs war, da Miranda bei Marek war. Das Mädchen wollte gerade ins Bett gehen, da sie am nächsten Tag wieder Schule hatte.

»Es dauert nicht lange. Dein Papa kommt nur mit seinem Auto nicht so gut klar«, grinste sie, verdrehte die Augen und Karlotta lachte.

Maron schloss, nachdem sie ihr eine gute Nacht gewünscht hatte, die Haustür zu und stieg zu Gavin ins Auto. Dieser sah sehr unglücklich aus und schaute recht finster drein. Maron schnallte sich an, startete den Wagen. Sie fuhr geschmeidig und leise los, während sie es nur mühsam schaffte, ein zufriedenes Grinsen zu unterdrücken. Sie fragte ihn stattdessen in welchem Hotel er untergekommen war.

»Das ist so eine altmodische, kleine Hotel. Die Name war…äh…I don’t know…ein alter Mann und seine Frau betreiben das.«

Maron wusste Bescheid. Es gab nur zwei Hotels in der Stadt. Er hatte sich das schlechtere ausgesucht. Der alte Mann, der es betrieb, war Herr Neumann. Ein sehr neugieriger und profitgeiler Mann, der immer noch in der DDR zu leben schien. Denn obwohl er sicher die Mittel hatte, sah er nicht ein, sein Haus zu modernisieren. Es hatte schließlich »Charme«. Der Charme war, dass die Zimmer alte Möbel und unbequeme Betten hatten und dass der Speisesaal, der mit rot-schwarzen Stühlen und dunklen Vorhängen bestückt war, einen regelrecht erdrückte. Einmal abgesehen von den Porzellanpuppen, welche die Fensterbretter belagerten. Es war wie in einem schlechten Horrorfilm da drin. Maron war einmal zu einer Firmenweihnachtsfeier dort gewesen und hatte es furchtbar gefunden.

»War denn in dem anderen Hotel nichts frei?«, fragte sie.

»Leider nicht. Diese andere Hotel ist ausgebucht, auf Wochen«, seufzte er.

»Die Puppen machen mich fertig. Die sind very creepy.«

Gavin erschauderte und Maron tat es ihm gleich.

»Oh ja, das sind sie.«

Mittlerweile waren sie am Hotel angekommen und Maron parkte ein. Sie stellte das Auto rückwärts auf den Parkplatz und lud ihr Fahrrad aus. Sie empfahl Gavin sich noch einmal an den Autoverleih zu wenden und erneut ein Automatikauto zu verlangen.

»Ohne das böse zu meinen, aber du bist eine Gefahr für die Allgemeinheit, wenn du mit Gangschaltung fährst. Und ich kann dich nicht jedes Mal fahren«, neckte Maron ihn.

Daraufhin beugte Gavin sich zu ihr runter, legte ihr eine Hand auf die Schulter und setzte ein diabolisches Lächeln auf.

»Und du bist ganz schön frech. Ich merke mir das«, flüsterte er mit einem unheimlichen Glanz in seinen Augen und seine Nase berührte ihre beinahe.

»Du großer Kerl machst mir keine Angst. Das solltest du mittlerweile wissen«, entgegnete sie und wich keinen Schritt vor ihm zurück, obwohl ihr Herz etwas schneller zu schlagen begann, als er plötzlich so nahe war.

»Es geht nicht um Angst. Ich würde nie wollen, dass du hast Angst vor mir«, sagte er, zog sich wieder zurück und bedachte sie mit einem etwas ernsteren Gesichtsausdruck.

Maron war unsicher, was sie darauf erwidern sollte, also entschied sie sich dafür, sich rasch von ihm zu verabschieden und fuhr mit ihrem Fahrrad nach Hause. Manchmal hatte sie das Gefühl, dass sie einander aufgrund der Sprachbarriere missverstanden.

Gavin sah Maron nach, wie sie auf dem Fahrrad davonfuhr, nachdem sie ihn abgesetzt hatte. Er wusste nicht recht weshalb, aber diese sture kleine Frau löste ein Bauchgefühl in ihm aus, das er schon sehr lange nicht mehr gehabt hatte. Er konnte nicht sagen, ob es ein gutes war oder er doch noch einen unangenehmen Kampf um seine Tochter mit ihr vor sich hatte.

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