Über das Buch

Nostalgia Magica – the story of love erzählt von Sonja MacKay, gefeierter Autorin historischer Liebesromane, und Cay Boyd, einem naturverbundenen Botaniker mit einer Leidenschaft für LARP. Ein zufälliges Aufeinandertreffen auf der Frankfurter Buchmesse bringt ihre Leben aus dem Gleichgewicht.

Zwischen Unsicherheit, Nähe und einer Nacht, die Fragen aufwirft, entsteht eine leise, bittersüße Geschichte über Vertrauen, zweite Chancen und das Wiederfinden von Gefühlen, die längst verloren schienen.

Leseprobe - Band 3

Auszug aus dem Roman „Nostalgia Magica – the story of love“

Während sie sich umsah, biss sie in das kleine Canapé, bestehend aus einem Cracker, Frischkäse und Räucherlachs. Eines musste sie dem Highlandboy lassen: Er machte richtig gute Snacks. Generell war er ein ziemlich guter Koch. Dahingehend traf diese Party ihren Geschmack. Ansonsten war sie allerdings eher durchschnittlich. Aber was konnte man von einer kleinen Verlobungsparty schon erwarten? Das war etwas anderes als das, was sie sonst gewöhnt war.

»Na, meine Liebe. Amüsierst du dich?«

Thea tauchte neben ihr auf und hatte ein breites Grinsen im Gesicht. Sonja grinste ebenfalls, rollte die Augen und machte eine ausladende Geste.

»Aber ja, Süße. Ich kann kaum an mich halten. Was sollte mir bei einer Party mit sieben Leuten und dezenter Jazzmusik, die in der Altbauwohnung einer sanierten Villa stattfindet, schon fehlen? Es gibt kaum einen Ort, an dem ich gerade lieber wäre. Außer vielleicht das Wartezimmer meines Zahnarztes«, erklärte sie in sarkastischem Tonfall und spürte, wie es ihr mit jedem Wort schwerer fiel ernst zu bleiben.

Sie sah zu Thea, deren Mundwinkel bereits zuckten, sodass auch sie sich nicht mehr zurückhalten konnte und mit ihrer Freundin in schallendes Gelächter ausbrach. Gordon, Robert und Theas Eltern, sowie die zukünftigen Schwiegereltern blickten sie verwundert an.

»Nein, mal im Ernst. Ich freue mich ja sehr für dich und Gordon. Aber versprich mir bitte, dass ihr eure Hochzeit nicht in eurer Wohnung feiert. Zur Verlobung ist das gerade noch verzeihbar. Bei der Hochzeit nicht. Da erwarte ich eine ordentliche Party nach der Trauung«, meinte Sonja, nachdem sie sich wieder beruhigt hatte.

Thea nickte und gelobte Besserung.

»So ist’s fein, Süße. Und den Junggesellinnenabschied überlass mal schön mir. So viel nackte Männerhaut und Glitter wirst du danach nie wieder sehen.«

»Wie bitte?!«, schoss es aus Thea heraus und sie warf ihrer Freundin einen warnenden Blick zu.

Sonja wackelte mit ihren schmalen Augenbrauen und rieb sich die Hände.

»Keine Sorge. Das wird super.«

Das schien Thea nicht zu überzeugen. Da legte Sonja ihr einen Arm um die Schultern und drückte sie an sich.

»Ich kann auch nen heißen Schreiner bestellen, der für uns strippt. Meinst du Robert stellt sich da zur Verfügung? Der ist ja auch ne echte Sahneschnitte für sein Alter«, flüsterte sie und schnurrte.

Thea schüttelte den Kopf.

»Du bist verrückt.«

»Jepp. Aber dafür liebst du mich fast genauso sehr, wie du deinen Highlandboy liebst«, zwinkerte sie ihrer Freundin zu.

Daraufhin lachte Thea auf und gab ihr einen Kuss auf die Wange, obwohl es sonst eher nicht ihre Art war.

»Ja, das tue ich. Obwohl ihr für mich so ziemlich auf einer Stufe steht. Jeder auf seine Weise«, gab sie zu und Sonja war gerührt von der Ehrlichkeit ihrer Freundin.

Gordon tat ihr gut. Sie war froh, dass die beiden einander wiedergefunden hatten. Die Geschichte ihrer Liebe bewies einmal mehr, dass es so etwas wie schicksalhafte Begegnungen und Vorherbestimmung durchaus gab. Allerdings konnte Sonja nicht behaupten, dass sie gesteigerten Wert darauf legte, diese Art Erfahrung selbst auch zu machen. Sie war eher eine Zuschauerin, die sich daran erfreute, wenn es ihrer Umgebung gut erging. Das gab ihr stets die besten Ideen, sodass sie neue Stoffe für ihre Bücher spinnen konnte, um sie dann mit historischen Begebenheiten und heißen Exzessen zu unterlegen. Sie hatte gar keine Muße für so etwas wie eine ernsthafte Beziehung. Ihrer Erfahrung nach waren Männer einfach nur anstrengend, wenn sie sich mit ihnen länger beschäftigen musste, als ein Durchschnittsflirt dauerte.

»Das ist lieb, meine Süße. Aber trotzdem werde ich jetzt abzwitschern. Ich fahre in ein paar Tagen zur Frankfurter Buchmesse. Da muss ich noch eine Lesung vorbereiten und üben mein Mundwerk zu bremsen. Mein Manager sagt immer meine Leserinnen mögen es nicht so gern, wenn ich zu unflätig werde. Sie lesen zwar insgeheim gern darüber, wie historische Persönlichkeiten sich quer durch die Geschichte ficken. Aber sie nennen es lieber ‚schlüpfrige Details‘ oder ‚pikante Momente‘ und lesen es offiziell wegen der historischen Hintergründe. Ich fänd’s ja einfacher zuzugeben, dass es genau das Schmutzige ist, was an meiner Art Roman so anziehend ist. Aber was solls«, seufzte sie.

Dann löste sie sich von Thea und verabschiedete sich von den restlichen Gästen, bevor sie sich auf den Heimweg machte. Vor der Tür zog sie sich ihre hochhackigen Stiefel an, strich ihr weißblondes Haar über ihrem altrosa Kaschmirmantel glatt und lief zur Straßenbahnhaltestellte, wo die Tram bereits angefahren kam.

Wenigstens kann ich bis Paunsdorf durchfahren und muss nicht umsteigen. Das würde mich ja mal richtig nerven.

Um diese Zeit war recht viel los, da viele Leute sich auf den Weg zu diversen Wochenendpartys machten, sodass Sonja keinen einzelnen Sitzplatz bekam, sondern sich zu jemandem dazusetzen musste. Denn stehen kam in ihren Schuhen auf keinen Fall in Frage. Dummerweise war der einzig freie Platz neben einem Mann, der etwa in ihrem Alter war, vielleicht etwas jünger. Und er tat, was der Großteil der Männer tat, wenn eine Frau wie Sonja in greifbarer Nähe war. Er versuchte bei ihr zu landen.

»Oh, hei, schöne Frau. Wo willst du denn hin? Zu einer heißen Party?«, säuselte er und wandte sich ihr zu.

Sonja würdigte ihn keines Blickes. Sie musste ihn nicht ansehen, um zu wissen, dass er fast sabberte und hoffte, irgendeinen Stich bei ihr landen zu können.

»Nein.«

»Dann komm doch mit zu…«

»Spar’s dir.«, unterbrach sie ihn.

»Hä?«

Seine dümmlich klingende Stimme, nervte sie. Seine plumpe Art ebenfalls. Sie atmete tief durch und antwortete so neutral sie konnte.

»Ich hab kein Interesse.«

Diese Antwort gefiel ihm ganz offensichtlich nicht, denn er versuchte erneut sie zu überreden, mit ihm feiern zu gehen. Die Bahn hielt an und ein paar Leute stiegen aus. Es wurde ein Einzelplatz am Fenster frei. Sonja stand ohne ein weiteres Wort auf und setzte sich rüber. Es war ihr egal, ob sie unhöflich war. Früher war sie sehr viel geduldiger und freundlicher gewesen, um die Gefühle ihres Gegenübers nicht zu verletzen. Doch wenn sie ehrlich war, hatte es nie etwas gebracht.

Solche Gespräche liefen immer auf dieselbe Art ab. Sie wurde irgendwo hin eingeladen, man bezahlte ihr ein paar Getränke, machte ihr schöne Augen, schmierte ihr Honig ums Maul und versuchte dann sie ins Bett zu bekommen. Sie waren alle gleich. Oberflächlich und schwanzgesteuert. Manchmal spielte sie gern ein wenig mit ihnen und flirtete etwas. Doch heute war sie dazu nicht in der Stimmung.

Ihre Trambekanntschaft sah das allerdings anders und nahm auf dem Einzelsitz vor ihr Platz, um sich grinsend in ihr Gesichtsfeld zu drängen. Sie zwang sich ihn anzusehen.

Meine Fresse, noch hässlicher als seine Stimme ist nur seine Visage. Wenn er mich nicht so widerlich anmachen würde, wäre ich aber zumindest höflich zu ihm.

Vor ihr saß der Inbegriff eines Pseudoschönlings, mit glatt rasiertem Gesicht, zurückgegelten Haaren und dicker Goldkette, der nun mit seiner gefälschten Rolex vor ihr herumfuchtelte und offenbar versuchte sie zu beeindrucken. Sie hasste Männer, die sich auf diese Art darstellten und aufdrängten. Mal ganz zu schweigen davon, dass er in seinem Aftershave offensichtlich gebadet hatte.

»Komm schon, Süße. Meine Freunde finden dich bestimmt genauso heiß wie ich. Da sind ne Menge Gratisdrinks und mehr für dich drin. Ist doch nice so umgarnt zu werden. Was willst du mehr?«, startete er einen neuen Versuch und grinste dreckig.

Sonja setzte ein gekünsteltes Lächeln auf, wie sie es schon hundertfach getan hatte und lehnte sich nach vorn zu ihm. Sie strich sich ihr Haar zurück, sah ihn durch lange Wimpern mit ihren eisblauen Augen an und tippte mit perfekt manikürten Fingernägeln auf die Uhr an seinem Handgelenk. Dabei achtete sie darauf nicht zu tief einzuatmen, da ihr ansonsten kotzübel geworden wäre.

»Ich will, dass du deine Billo-Uhr nimmst, sie in dein ekelhaft penetrantes Aftershave tunkst und sie dir tief in deinen Hintern schiebst, zusammen mit all deinen dämlichen Anmachen, auf die leichtgläubige 15 – Jährige vielleicht reinfallen würden. Dann wasch dir das Gel aus den Haaren und lass dir nen Vollbart stehn. Das hilft vielleicht deinem Gesicht ein wenig. Aber jetzt steigst du erstmal an der nächsten Haltestelle aus und lässt mich in Frieden, sonst freut sich mein Pfefferspray sehr darauf, mit dir Bekanntschaft zu schließen, du kleiner Möchtegerngigolo. Kapiert?«

Sie lehnte sich wieder zurück und wartete einige Augenblicke, bis die Information durchgesickert war. Dann sah sie, wie sich Wut auf seinem Gesicht abzeichnete und er zu einer – sicher sehr niveauvollen – Gegenargumentation ausholte, es sich jedoch schnell anders überlegte, als sie ihre Tasche öffnete und eine kleine Sprühdose herauszog.

Als die Bahn langsamer wurde, drückte er den Türöffner.

»Schlampe«, murmelte er beim Aussteigen und Sonja warf ihm durchs Fenster Luftküsse zu, woraufhin er noch schneller von Dannen zog und weiter vor sich hin schimpfte.

Eine Frau, die weiter vorn in der Bahn saß und das Ganze wohl beobachtet hatte, lächelte und zeigte ihr einen Daumen hoch. Sie machte eine verbeugende Geste und genoss den Rest der Fahrt in angenehmer Ruhe.

Home, sweet home.

Als Sonja nach Hause kam, seufzte sie und schloss die Wohnungstür hinter sich zu. In ein paar Tagen würde sie erneut abreisen. Zumindest konnte sie danach eine längere Zeit in Leipzig bleiben und hoffentlich ein wenig abschalten, nachdem sie mit ihrem letzten Buch monatelang durch die großen, kleinen und kaum nennenswerten Städte Deutschlands getourt war. Frankfurt am Main war die letzte Station, auf der sie aus ihrem aktuellen Werk vorlesen würde.

»Naja, wenigstens muss ich nicht allzu viel vorbereiten, da ich die Lesung mittlerweile fast auswendig kann.«

Sonja hing ihren Mantel an die Garderobe, zog die Stiefel aus und zwirbelte ihr Haar zu einem losen Zopf zusammen, damit sie duschen gehen konnte. Sie streifte ihre Kleidung ab und steckte alles direkt in die Waschmaschine in der Küche. Nach der Begegnung in der Tram hatte sie das Gefühl schmutzig zu sein. Bevor sie jedoch in die Dusche stieg, kramte sie einige halb zerknüllte Notizzettel aus ihrer Handtasche und legte sie auf ihren Schreibtisch.

Wenigstens haben mir Theas Party und der Vollpfosten in der Bahn ein paar Ideen geliefert, dachte Sonja, während sie sich mit ihrem Lieblingsduschgel einseifte.

Kurze Zeit später stieg sie wieder aus der Dusche, trocknete sich ab und ging dann ins Schlafzimmer, wo sie sich bequeme Kleidung raussuchte. Sie streifte sich Boxershorts und ein großes T-Shirt über und setzte sich anschließend noch ein wenig an ihren Schreibtisch im Wohnzimmer. Draußen hörte man deutlich, wie sich einige Betrunkene auf der Straße lautstark stritten.

Sonja konnte nicht behaupten, dass die Wohnung oder auch die Nachbarschaft besonders hochwertig und niveauvoll waren. Aber sie mochte den Blick auf den Wasserturm vor dem Fenster ganz gern. Zudem war sie ohnehin wenig zu Hause. Wozu hätte sie in eine teure Eigentums- oder Mietwohnung ziehen sollen? Hier war die Miete billig und niemand ging ihr in dieser Gegend auf den Wecker. Da sie eine ziemliche Berühmtheit war, musste sie sich auch über solche Dinge Gedanken machen.

»Viele Wohnparteien, zwei Zimmer, Küche, Bad. Und ich kann die Nachbarn furzen hören. Super Deal«, lachte sie über sich selbst.

Ein weiterer Bonus war, dass ihre Mutter sich stetig darüber ärgerte, wie ihre Tochter lebte. Sie hatte sie noch nicht einmal besucht, seit sie sich in diese Wohnung eingemietet hatte. Allerdings konnte das auch daran liegen, dass Sonja eine einzige Enttäuschung für sie war.

»Du hast ein abgeschlossenes Studium in Geschichte und Germanistik, Sonja. Und was fängst du damit an? Du schreibst widerliche Schundromane! Was sollen nur die Leute denken?«, hatte sie damals gesagt.

Selbst nachdem Sonjas Bücher durch die Decke gegangen waren und sie schon nach kurzer Zeit Unsummen damit verdient hatte, war ihre Mutter bei ihrem Standpunkt geblieben. Das hatte sich bis heute nicht geändert und würde es wohl auch nicht mehr. Jedes Mal, wenn Sonja sich mit ihr traf, versuchte sie aufs Neue ihr eine seriöse Arbeitsstelle aufzuzwingen. Entweder steckte sie ihr Bewerbungsformulare zu oder machte Termine in Sonjas Namen aus, damit diese gezwungen war zu Bewerbungsgesprächen zu gehen. Es endete jedes Mal damit, dass sie sich stritten und Sonja oder ihre Mutter beleidigt von Dannen zog.

Ja, ja. Das hat schon beinahe Tradition. Vielleicht kommt sie irgendwann mal damit klar. Ich werde jedenfalls den Teufel tun mich für sie zu ändern.

Manchmal war es dennoch schade, dass sie von ihrer Mutter keinerlei Anerkennung für ihre Bücher bekam. Aber daran würde sich wohl in diesem Leben nichts mehr ändern. Im Grunde wusste Sonja, dass sie sich sorgte. Wenn es auch sehr übertrieben und übergriffig war.

Sie schaltete den Laptop wieder ab, nachdem sie ihre Ideen übertragen und einige E-Mails beantwortet hatte. In den nächsten Tagen würde sie noch ein paar Dinge mit ihrem Manager Gilbert besprechen, damit in Frankfurt alles glatt lief, Koffer packen und ihre Lesung final vorbereiten. Dann konnte es mal wieder losgehen.

»Endlich haben wir es geschafft, Alter! Darauf müssen wir einen trinken gehen.«

Cay sah auf sein Abschlusszeugnis. Es hatte noch einmal vier Semester gedauert, aber nun war er endlich Master of Sience im Bereich Botanik. Tatsächlich wäre es ein verdammt guter Grund zum Feiern gewesen, doch er hatte keine Zeit dafür. In wenigen Stunden musste er den Miettransporter holen und seine wenigen Sachen einladen.

»Tut mir wirklich leid, Robin. Aber ich muss fertig packen und dann fahre ich heute noch nach Frankfurt. Du weißt doch, dass ich direkt hier weggehe«, sagte er und verabschiedete sich kurz darauf von seinem Kommilitonen.

Im Wohnheim angekommen, packte Cay in seiner kleinen Einraumwohnung die letzten Sachen in Kartons und stellte alles schon einmal auf einen Fleck, damit er es später schneller einladen konnte. Die Sachen für die nächsten Tage packte er in einen großen Koffer. Er hatte auf der Buchmesse schließlich einiges vor und das wollte gut organisiert sein. Immerhin würde er dort auch einige seiner Freunde treffen, die er sonst nur bei einem der großen LARP-Events einmal im Jahr sehen konnte.

Er würde Wien nicht vermissen. Er hatte hier zwar eine gute Zeit während des Studiums verbracht und sich gut mit seinen Mitstudenten verstanden, aber er sehnte sich danach, wieder nach Leipzig zurückzukehren. Glücklicherweise hatte er schon eine Arbeit gefunden, sodass er nicht allzu lange Leerlauf haben würde. Nur seine neue Wohnung musste er vor Ort noch einrichten. Nach dem Bachelorstudium Biologie hatte er wegziehen müssen und somit auch seine damalige Wohnung aufgegeben. Die Neue kannte er tatsächlich nur von Bildern.

»Hoffentlich greife ich damit mal nicht voll in die Scheiße«, seufzte er.

Immerhin war die Wohnung verhältnismäßig günstig und wenn es hart auf hart kam, konnte er immer noch umziehen.

Nachdem er schließlich den Transporter geholt hatte, lud er seine Umzugskartons und den Koffer ein. Seinen Wohnungsschlüssel warf er unten in den Briefkasten der Wohnheimverwaltung. Eine Übergabe hatte er glücklicherweise tags zuvor schon machen können. Es war nun beinahe Mittag und er hatte knapp acht Stunden Fahrt vor sich. Pausen und eventuelle Staus einberechnet, konnten es auch zehn werden.

Naja, Hauptsache ich bin heute Abend da und komme noch ins Hotel rein. Ich werde eine gute Mütze Schlaf brauchen, nach dem Tag.

Schließlich wurde ab Morgen die Buchmesse für Besucher geöffnet und er wollte sich einige Veranstaltungen anschauen. Mal abgesehen von den Autogrammstunden seiner Lieblingsautoren und dem Treffen mit seinen Freunden in der Cosplay-Area. Er war zwar im Grunde lieber in der LARP-Szene unterwegs, aber er mochte es auch Charaktere aus den Videospielen zu cosplayen, die er zockte. Dieses Jahr wollte er Eivor aus »Assassin’s Creed Valhalla« darstellen. Zum Glück war dieser Oktober schon recht kühl. Somit schwitzte er sich in den Hallen nicht halb zu Tode.

»Na dann wollen wir mal. Musik auf volle Lautstärke und Abfahrt!«

Cay stellte sein Navi ein und ließ sein Handy via Bluetooth eine Hardrock-Playlist abspielen.

Sonja stieß einen leisen Pfiff aus, als sie das Hotelzimmer im »Maritim Hotel« betrat.

»Oha, da hat der Verlag sich aber nicht lumpen lassen.«

Sie stellte ihren großen Koffer in eine Ecke und ließ sich auf das riesige Doppelbett fallen. Es war wunderbar weich und duftete frisch. Hier machte sie sich keine Sorgen irgendwo seltsame Flecken oder kleine Besucher zu entdecken. Wenn sie da an die Unterkunft vom vorigen Jahr zurückdachte, lief es ihr noch immer eiskalt den Rücken hinunter. Sie war wirklich nicht zimperlich, aber irgendwo gab es auch Grenzen. Die Bruchbude war unfassbar weit weg gewesen, sodass sie hatte mehrfach die öffentlichen Verkehrsmittel wechseln müssen und saubere Bettwäsche oder Handtücher hatte es auch nicht gegeben. Das war weit unter ihrer Würde gewesen.

Ihr Manager räusperte sich neben ihr und holte sie aus ihren Gedanken. Sie stützte sich auf ihre Ellbogen und sah ihn entnervt an.

»Was hast du denn nun schon wieder, mein liebster Gilli?«

»Ich habe es dir schon tausendmal gesagt. Nenn mich nicht so. Entweder Gilbert oder Gil. Und ich wollte dich nur darauf hinweisen, dass wir keine Zeit zur Entspannung haben. Du hast heute noch zwei Interviews mit einer lokalen Zeitung und in einem Radiosender und wir müssen noch einmal final durchgehen, auf welchen Bühnen deine Lesungen morgen stattfinden. Außerdem musst du noch einige Bücher vorsignieren«, erklärte er und fuhr sich durch seinen struwweligen braunen Bart.

Dafür, dass er immer so gestresst war, wenn es um Sonjas Termine ging und alles perfekt sein musste, achtete er ihrer Meinung nach viel zu wenig auf sich selbst. Gil war erst Ende dreißig und abgesehen davon, dass er ein kleines Bäuchlein hatte, war er eigentlich ganz süß. Es hätte ihm gut getan einen ordentlichen Haarschnitt zu bekommen und sich mal zu rasieren. Stattdessen fielen ihm seine strähnigen Haare ständig in die Augen, sein Anzug saß schlecht und er war absolut unfähig sich eine Krawatte zu binden. Er wäre das perfekte Objekt für ein volles Umstyling mit allem Drum und Dran gewesen. Doch was sie auch tat, er ließ sie einfach nicht an sich ran.

»Okay, Herr Gil. Mister Gilbert, Lord Manager, der Erste«, neckte sie ihn und stand auf, um sich ihr Haar zu richten.

Gil sah sie finster an. Sie streckte ihm die Zunge raus, was er nur mit einem resignierenden Kopfschütteln kommentierte.

»Ist ja gut. Ich hab’s verstanden. Ich ziehe mich noch schnell um und dann können wir los. Check du doch in der Zeit in dein eigenes Zimmer ein und mach dich frisch. Und dann lass mich wenigstens deine Krawatte binden, wenn ich dich schon nicht herausputzen darf«, bot sie an, auch wenn sie wusste, dass er es wieder ablehnen würde.

Doch zu ihrer Überraschung nickte er und wandte sich zur Tür.

»Ja, ja.«

Sonja schnaufte undamenhaft.

»Ja, ja heißt ‚leck mich am Arsch‘ und das werde ich ganz sicher nicht tun.«

Gil öffnete die Tür und brummte genervt.

»Werd‘ erwachsen.«

»Niemals!«, rief sie ihm nach.

Es war einfach zu schön ihn zu ärgern. Doch er musste sich dringend den Stock aus dem Hintern ziehen, sonst fand er nie eine Frau. Wobei sie sich bei Gil zunehmend unsicher war, ob er nicht vielleicht sogar auf Männer stand. Immerhin zeigte er keinerlei Regung, wenn er sie sah und schien auch sonst eher uninteressiert an Frauen zu sein. Vielleicht war er aber auch einfach nur so beschäftigt und unentspannt, dass er keinen Kopf für solche Dinge hatte. Sonja schmunzelte und zog sich um, damit sie loskonnten.

»Und nun haben wir die aktuell erfolgreichste Autorin historischer Romantikromane bei uns zu Gast. Sonja MacKay. Schön, dass Sie hier sind«, begrüßte die Radiomoderatorin Sonja mit einem freundlichen Lächeln.

Dann zeigte sie auf das Hängemikrofon vor sich und bedeutete ihr, dass sie sprechen konnte. Es war das erste Mal, dass sie ein Liveinterview hatte. Ihre Bücher waren innerhalb eines Jahres so sehr durch die Decke gegangen, dass sich nun nicht mehr nur Zeitungen für sie interessierten. Manchmal war es noch immer etwas sehr Surreales für sie, so erfolgreich zu sein.

»Danke. Es freut mich sehr hier zu sein«, antwortete Sonja wahrheitsgemäß.

Das Interview enthielt, abgesehen davon, dass es live übertragen wurde, die typischen Fragen, die sie bereits von den Zeitungen kannte. Wie kommen Sie auf Ihre Ideen? Wie nah bleiben Sie an historischen Fakten? Wie viel steckt von Ihnen persönlich in Ihren Büchern?

Sie beantwortete diese routiniert und achtete dabei sehr auf ihre Ausdrucksweise, vor allem deshalb, weil Gil ihr aus dem Raum nebenan prüfende Blicke zuwarf. Sie wusste genau, dass er ihr wieder ewig in den Ohren liegen würde, wenn sie zu obszön wurde. Dabei war Sonja im Grunde stolz darauf, dass sie sprach, wie ihr der Schnabel gewachsen war. Aber wenn man jemand war, der mehr und mehr in der Öffentlichkeit stand, musste man auf solche Dinge achten. Das bläute er ihr immer wieder ein. Der Mann war schlimmer als ihre eigene Mutter. Doch ihm zuliebe benahm sie sich. Sie repräsentierte schließlich auch noch den Verlag, nicht nur sich selbst.

»Okay. Danke für diese Einblicke, Frau MacKay. Eine letzte Frage: Was für eine Geschichte erwartet Ihre Leserinnen und Leser als nächstes? Bleiben Sie in der Zeit rund um das 18. Jahrhundert oder werden wir vielleicht sogar einmal annähernd in die Moderne entführt?«

Sonja musste unweigerlich lachen.

»Na von der Idee mit der Moderne können Sie sich schon mal entspannt verabschieden. Ich gehe eher noch weiter zurück als bisher. Viel weiter. Aber da will ich nicht zu viel verraten. Lassen Sie sich überraschen. Was ich aber versprechen kann ist, dass es wieder sehr heiß werden wird.«

»Da sind wir auf jeden Fall gespannt. Vielen Dank an Sonja MacKay. Und nun folgt Måneskin mit Baby said«, schloss die Moderatorin das Interview und Sonja konnte gehen.

Den Rest des Tages besprach sie sich final mit Gil, wann sie wo zu sein hatte, signierte stapelweise Bücher vor und nahm zum Abend ein entspannendes Bad. Vor dem Schlafengehen legte sie sich ihre Kleidung für den nächsten Tag zurecht. Obwohl sie nur zu gern einen Minirock getragen hätte, entschied sie sich für eine ausgewaschene Jeans hoher Qualität und einen dünnen Rollkragenpullover, der ihre Rundungen zwar betonte, aber gut verhüllte.

»Schön. Dann noch die halbhohen Stiefel mit kleinem Absatz, damit mich meine Füße am Ende des Tages nicht umbringen und ich bin fertig.«

Glücklicherweise hatte sie lupenreine Haut und einen perfekten Teint, sodass sie sich um Makeup keinerlei Gedanken machen musste. Manchmal verstand sie, weshalb viele Frauen neidisch auf sie waren und warum es auch etliche gab, die sie nahezu hassten, weil sie äußerlich dermaßen perfekt war. Irgendwann in ihrem Leben hatte Sonja den Fakt akzeptiert, dass es nun einmal so war. Sie konnte nichts für ihr Äußeres. Und nur weil sie verboten schön war, machte sie das nicht zu einer arroganten Schnepfe.

Zum Glück hat wenigstens Thea das damals direkt verstanden. Sonst wäre ich wohl völlig am Arsch gewesen.

Im Grunde war sie Sonjas einzige richtige Freundin. Alle anderen Bekanntschaften blieben stets oberflächlich, weil niemand hinter das hübsche Gesicht blicken wollte. Es war zwar schade, aber besser Sonja hatte eine wahre Freundin als zehn Frauen, die nur aus niederen Beweggründen mit ihr »befreundet« sein wollten. Das hatte sie oft genug durchgemacht. Mit Männern lief es dadurch auch nicht besser. Bisher war sie entweder auf ihre Schönheit und ihren attraktiven Körper reduziert worden oder die Männer versuchten bei ihr zu landen, wenn sie erfuhren, dass sie reich und berühmt war.

Tsk…Alles nur schwanzlose Mistkerle. Kein Wunder, dass sie zu nichts anderem zu gebrauchen sind als zum Flirten und Abservieren, dachte sie und versuchte die schlechten Gedanken abzuschütteln, als sie sich ins Bett legte.

Morgen würde ein aufregender Tag werden. Darauf freute sie sich sehr und wollte nichts mehr als es in vollen Zügen zu genießen.

Es war kurz vor zehn Uhr. Die Massen vor den Türen der Frankfurter Buchmesse erstaunten ihn jedes Mal wieder. Er rieb sich den Nacken und hoffte, dass sich die Leute bald in Bewegung setzten. Viel Schlaf hatte er nicht bekommen. Zum einen war er erst nach 23 Uhr in der Pension aufgeschlagen, weil er doch mehr Pausen gebraucht hatte als erwartet. Zum anderen war seine Unterkunft so ein mieses Dreckloch, dass er in seinen Umzugskisten nach seinem Schlafsack gesucht hatte, um ihn auf das Bett zu legen. Allein schon die nicht näher definierten Flecken auf dem Bettlaken und der muffige Geruch des Zimmers, jagten ihm noch immer einen Schauder über den Rücken. Und er hatte noch eine Nacht dort vor sich.

Vier Sterne auf Booking.com am Arsch…Naja, wenn es hart auf hart kommt, penne ich im Transporter.

Er musste sich stetig daran erinnern sich nicht ins Gesicht zu fassen, da er Eivors Kriegsbemalung nachgeahmt hatte. Sein dunkelblondes Haar hatte er an beiden Seiten abrasiert und zu aufwendigen Zöpfen geflochten, von denen einer ihm über die Schulter hing und kunstvoll mit Lederbändern geschmückt war. Das allein war schon eine Kunst für sich. Sein Bart war nicht lang genug gewesen, um ihn ebenfalls zu flechten, daher hatte er ihn ein wenig gestutzt, damit er zumindest einen Vollbart in angemessener Länge hatte und kein struwweliges undefinierbares Etwas.

Schade war, dass es hier nicht erlaubt war Waffen mitzubringen. Cay verstand natürlich, weshalb diese Einschränkung existierte, doch es nahm seinem und auch dem Cosplay anderer ein Stück weit die Authentizität. Und mit schlecht gemachten Imitaten aus Pappmaché wollte er gar nicht erst anfangen. Wenigstens hatte er es geschafft den Rest seines Outfits sehr originalgetreu zu halten. Da er vieles davon ohnehin fürs LARP brauchte, hatte er die reich verzierte Lederrüstung lediglich mit Fellen, einer ordentlichen Lederschnürung und passendem Unterarmschutz versehen müssen.

»Oh, wow. Darf ich ein Foto von dir machen?«

Cay drehte sich um und entdeckte ein kleines Mädchen, als er nach unten sah. Sie war vielleicht acht Jahre alt und strahlte ihn mit ihren großen braunen Augen regelrecht an. Er musste unweigerlich lächeln und nickte. Das Mädchen stellte sich neben ihn und ihr Vater machte ein Bild. Er war sicher, dass die Kleine keine Ahnung hatte, wen er darstellte, sondern seine Aufmachung einfach nur cool fand. Trotzdem freute er sich, dass sie so mutig gewesen war, ihn anzusprechen.

Dann öffneten sich endlich die Türen zur Buchmesse und alle Wartenden strömten rasch hinein. Dennoch dauerte es eine Weile, bis er schließlich die große Halle betreten konnte und sich auf den Weg zur Halle 3 machte. Dort würde er ein paar seiner Freunde in der Cosplay-Area treffen und hoffentlich ein Autogramm seines Lieblingsmangaka Makoto Yukimura abstauben können. Außerdem gab es endlich den neuen Band der »Vinland Saga«, den er sich direkt signieren lassen wollte.

Es waren diese Momente, in denen er sich sehr beherrschen musste, nicht vor Vorfreude in der Gegend herumzuhüpfen und zu quietschen, wie ein kleines Mädchen. Obwohl das sicher ein Bild für die Götter gewesen wäre.

Zunächst musste er sich jedoch durch die Massen an Menschen kämpfen. Er hatte grundsätzlich keine Schwierigkeiten mit vielen Leuten, aber hier war es extrem. Die Gefahr jemanden umzustoßen war real, da auch viele Kinder unterwegs waren. Sobald er Halle 3 betrat, bot sich ihm ein kunterbunter Anblick, der ihm immer wieder aufs Neue das Herz höherschlagen ließ. Cosplayerinnen und Cosplayer aus allen möglichen Bereichen tummelten sich zwischen den Regalen der vielen Manga- und Merchandisestände, unterhielten sich angeregt oder stöberten nach ihren Lieblingsstücken. Es war eine große Bühne für Lesungen und dergleichen aufgebaut und er sah schon jetzt, wie teils ganze Gruppen sich auf den kommenden Cosplaywettbewerb vorbereiteten.

Cay ließ diese Atmosphäre einige Momente lang auf sich wirken. Plötzlich tippte ihm jemand auf die Schulter. Er sah nach rechts und blickte in blutrote Augen, die durch eine kleine, runde Brille sahen. Der Charakter ihm gegenüber war beinahe mit ihm auf Augenhöhe, war recht schmal gebaut, trug eine schwarze Langhaarperücke und einen Frack. Verwundert musterte er das Gesicht des Mannes, bis er ihn endlich erkannte.

»Erik?«

»Korrekt.«

»Was zum Henker stellst du denn dar?«

Erik setzte eine gekränkte Miene auf.

»Begrüßt man so seinen Kumpel? Ganz schön fies von dir. Ich bin natürlich Fafnir aus Miss Kobayashis Dragonmaid. Kennst du wieder nicht, was?«

Dann ließ er seinen Blick über Cay wandern und stieß einen leisen Pfiff aus.

»Ja, du steckst immer unfassbar viel Arbeit in deine Outfits. Das muss ich dir lassen. Komm schon. Lass uns die anderen beiden suchen gehen. Ich glaube die gehen dieses Jahr als Super Mario und Luigi

Cay lachte.

»Okay. Dann los. Aber ich will auch noch zu den Mangaständen, bevor die Signierstunde von Makoto Yukimura startet.«

Sonja saß hinter der Lesebühne und atmete durch. Sie hatte zwar nicht zum Haupteingang reingemusst, als hier alles eröffnet worden war, aber dennoch war sie nicht ganz durchgekommen, ohne halb von einer Menschenmasse verschluckt zu werden. Immerhin waren die meisten Leute so sehr mit sich beschäftig gewesen, dass sie niemand erkannt hatte. Vor einem Publikum zu lesen war eine Sache. In der Masse zu stehen und Autogramme zu geben, während man beinahe erdrückt wurde, eine andere.

Gil kam aus dem Bühnenbereich und setzte sich noch einmal kurz zu ihr.

»Alles okay?«

»Jepp. Alles super. Ich mach das schon. Wie immer«, grinste sie und Gil schien beruhigt.

»Schön. Noch zwei Minuten«, sagte er und ging auf die Bühne.

Im Grunde war sie vor jedem ihrer Auftritte etwas nervös. Aber sobald sie auf der Bühne war und spürte, wie sehr ihre Leserinnen an ihren Lippen klebten, machte es Spaß. Es war die vorletzte Lesung zu ihrem aktuellen Buch. Dann konnte sie sich der neuen Geschichte zuwenden, die ihr im Kopf umherschwirrte. Und gerade, als wie kurz daran dachte, kamen ihr zwei Namen in den Sinn, die sie umgehend auf die Serviette schrieb, die unter ihrem Kaffee gelegen hatte.

Alasdair und Catriona.

Sonja steckte sie in ihre Hosentasche, griff nach ihrem Buch und ging auf die Bühne, wo sie bereits von unfassbar vielen Leuten erwartet wurde. Sie lächelte in die Menge, ohne jemanden richtig anzusehen, setzte sich auf ihren Platz und schlug ihr Buch auf.

Dann begann sie zu lesen.

»Oh, David. Würde diese Nacht doch nur ewig andauern. Wenn wir zumindest gemeinsam fortgehen und ein einfaches Leben genießen könnten…«

Maria sah zu ihrem Geliebten auf und als ihre Blicke einander begegneten, sah sie den Glanz der Sterne, wie sie am unendlich weiten Himmel erstrahlten, in seinen Augen glänzen. Jeder Moment, den sie einander schenkten, war ein Schatz, den sie ihr Leben lang hüten würde, wie das Kind, vom dem sie bereits wusste, dass sie es unter ihrem Herzen trug. Sie musste sichergehen mit ihrem Gatten bald wieder die Ehe zu vollziehen, damit er keinen Verdacht schöpfte.

David schloss sie fest in seine starken Arme und küsste sie innig.

»Nichts würde mich glücklicher stimmen als auf ewig an Eurer Seite sein zu dürfen, eure Majestät. Doch unserem Stand können wir nicht davonlaufen. Und Ihr nicht Eurer Verantwortung. Wir können lediglich annehmen, was das Schicksal uns in diesem Augenblicke miteinander gewährt und es vollumfänglich auskosten.«

Sie beide wussten, dass sie aufhören mussten einander auf diese Weise zu treffen. Es war zu gefährlich. Würde dies jemals ans Licht kommen, wäre Davids Leben verwirkt und Maria würde ihr Gesicht und vielleicht sogar ihr Leben verlieren. Um die Gefühle ihres Gatten machte sie sich allerdings keinerlei Gedanken. Sie war sich seit langem sicher, dass er ihr ebenso untreu war, wie sie ihm. Nur nahm es dem Manne keine Seele übel, wenn er sich anderswo vergnügte. Die Frau wurde für ein solches Fehlverhalten hart bestraft.

Maria war unermesslich traurig darüber, dass sie ihre Liebe nicht frei leben durften und David sein Kind nicht würde mit ihr aufziehen können. Doch sie wollte diese Nacht nicht mit schmerzlichen Empfindungen vergeuden.

»Genug der Worte, Liebster. Ich wünsche mich Euch mit Haut und Haar hinzugeben«, flüsterte Maria und löste die Schnürung an Davids Beinkleid, woraufhin er begann ihre Korsage zu öffnen…

 

Es dauerte nicht lange, bis Cay und Erik ihre anderen beiden Freunde, Nico und Nora gefunden hatten. Die beiden waren kaum zu übersehen gewesen, in ihren übergroßen Cosplays mit den aufwendig gestalteten Pappmachéköpfen. Sie waren schon seit der Grundschule ein Paar und immer unzertrennlich gewesen. Das hatte sich bis zum heutigen Tag nicht geändert. Ein wenig hatte Cay sie immer beneidet. Sie hatten schon in jungen Jahren gefunden, wovon manche ihr Leben lang träumten.

»Na hallöchen, Herr von und zu Master of Botanik und hottester Wikinger in der Hood. Schön dich zu sehen.«

Nora warf sich ihm regelrecht in die Arme und traf ihn mit ihrem Luigikopf voll auf die Nase.

»Au! Was für eine Begrüßung. Ich freu mich auch dich zu sehen. Und dich natürlich auch, Nico.«

Cay setzte Nora ab und begrüßte seinen anderen Kumpel im Super Mario Cosplay.

»Glückwunsch zum Abschluss, mein Freund. Kannst echt stolz auf dich sein. Wie geht’s jetzt weiter?«, wollte Nico wissen.

Erik, Nora, Nico und er selbst waren sowohl in der Grundschule als auch am Gymnasium in denselben Klassen gewesen. Gemeinsam waren sie durch dick und dünn gegangen, hatten für Klassenarbeiten gelernt und manchmal auch so einigen Unfug ausgeheckt. Nach der Schulzeit hatten sie sich in alle Winde verstreut, waren aber stetig in Kontakt geblieben, sodass es sich immer wenn sie einander sahen anfühlte als sei keinerlei Zeit vergangen. Auch heute wohnten sie noch immer recht weit auseinander, deshalb genossen sie die wenigen Treffen im Jahr umso mehr. Ansonsten spielten sie ab und zu ein paar D&D Onlinekampagnen und blieben darüber in Kontakt.

Nachdem sie sich gegenseitig auf den neuesten Stand gebracht hatten, zogen sie eine Weile miteinander durch Halle 3 und 4. Sie stöberten gemeinsam durch einige neue Mangas, trennten sie sich dann aber vorerst, sodass Cay sich den neuen Band der »Vinland Saga« kaufen und dann bei der Signierstunde anstellen konnte, während die anderen drei ebenfalls bei ein paar Autoren Schlange standen, um Autogramme zu ergattern.

Als auch das geschafft war, hatte Cay ein wenig Zeit, bis er sich wieder mit seiner Gruppe traf. Also streifte er ein wenig durch die anderen Hallen, um zu schauen, was in der Literaturwelt sonst noch aktuell war.

Kaum war er in die nächste Halle abgebogen, hatte er Schwierigkeiten vorwärtszukommen, da sich eine riesige Traube von Frauen jeden Alters um die große Lesebühne versammelt hatte und gebannt der dort stattfindenden Lesung lauschte.

»Was zum…?«

Cay blieb gezwungenermaßen stehen und sah nach vorn zur Bühne. Was er erblickte, ließ ihn einige Momente lang stutzen. Dort saß eine junge Frau, die aus einem historischen Roman vorzulesen schien. Die Sprache wirkte jedenfalls altertümlich und unmodern. Es passte nicht mit ihrer jugendlichen Erscheinung zusammen.

Äußerlich war sie geradezu engelsgleich. Ihr rutschte eine Strähne ihres weißblonden Haares hinter dem Ohr hervor, die sie in einer fließenden Bewegung mit dem Umblättern einer Seite nach hinten strich. Ihr Blick wanderte einen Augenblick lang über das Publikum und als ihre eisblauen Augen ihn streiften, sah Cay sofort, dass sie es faustdick hinter den Ohren hatte. Als er dann auch noch hörte, was sie vorlas, fiel er endgültig vom Glauben ab.

Maria ging vor David auf die Knie und schenkte ihm einen Blick erfüllt von purer Lust. Sie griff sanft nach ihm und spürte, wie er in ihrer Hand pulsierte. David stöhnte und gab ihr zu verstehen, dass er sie noch um einiges intensiver spüren wollte. Also öffnete Maria ihren Mund und nahm ihn in sich auf, um sogleich seine samtene Spitze mit ihrer Zunge…

 

Cays Kinnlade klappte herunter und er schüttelte ungläubig den Kopf. Er konnte nicht leugnen, dass sie gute Formulierungen gewählt hatte, aber er hatte im Leben nicht damit gerechnet, aus dem Mund dieser Frau die Zeilen eines historischen Schundromans zu hören.

Die Schönheit las einen letzten Satz und schloss dann ihr Buch, sodass über das Mikrofon ein dumpfes Geräusch entstand.

»Vielen Dank an die Bestsellerautorin Sonja MacKay! In wenigen Minuten wird sie direkt hier, neben der Bühne eine Autogrammstunde abhalten. Also halten Sie ihre Bücher bereit!«, verkündete die aufgeweckte Moderatorin und erntete gleich darauf lautstarken Applaus von den umstehenden Frauen.

Ugh. Ich muss hier weg, bevor die mich über den Haufen rennen.

Er bahnte sich rasch seinen Weg an der Menschenmenge vorbei und flüchtete sich in die kleineren Gänge, wo weniger bekannte Verlage die Werke ihrer Autoren ausstellten. Oftmals entdeckte man hier einige gute Bücher. Doch wo Cay auch langging, überall hörte er, wie Leute sich über Sonja MacKay unterhielten und ihre Bücher bewunderten. Sie war offenbar eine Newcomerin, die mit ihrem ersten Buch sofort einen Hit gelandet hatte und seither mit allem, was sie schrieb durch die Decke ging. Dabei war sie noch keine dreißig Jahre alt und bildschön.

»Aber wer so schön ist, hat garantiert einen richtig miesen Charakter. So wie die über Sex schreibt, hat sie wahrscheinlich jede Woche nen anderen im Bett«, hörte er eine Frau im Vorbeigehen zu einer anderen sagen.

Sofort spürte er, wie es in ihm zu brodeln begann und er musste dem Reflex wiederstehen den beiden Frauen die Leviten zu lesen. Dabei kannte er Sonja MacKay nicht einmal persönlich und es hätte ihm egal sein können, wie jemand über sie redete. Vielleicht war sie tatsächlich so, wie die dachten. Aber ohne einen Menschen überhaupt kennengelernt zu haben dermaßen schlecht über ihn zu reden, fand er furchtbar unhöflich.

So hat meine Mutter mich nicht erzogen. Trotzdem sollte ich mich nicht unnötig einmischen. Blöde Kommentare gehörten leider zum Autorenleben. In diesem Business musste man eine dicke Haut haben.

Cay bahnte sich seinen Weg weiter durch die Halle, kaufte ein paar Bücher von unbekannteren Autorinnen und Autoren, deren Titel ihn interessierten und sah sich anschließend auf der restlichen Messe um. Zwischendurch hielt er an einem der Essenstände, wo er auch seine Freunde wiedertraf und sie aßen gemeinsam.

»Wie bitte?! Du warst bei Sonja MacKays Lesung?«, fragte Nora viel zu laut und schien mit einem Mal sehr aufgeregt zu sein.

»Nein. Korrektur: Ich war nicht bei ihrer Lesung. Ich bin nur zufällig vorbeigelaufen, als sie gerade stattfand. Ich weiß nicht, was ihr alle an diesen Schundbüchern findet«, seufzte Cay und aß ein paar der viel zu fettigen und viel zu teuren Bratnudeln. Wahrscheinlich würde er allein von den Dingern den Rest des Tages auf dem Klo verbringen.

»Mann, ich bin echt neidisch auf dich und Schund ist das mal so gar nicht, mein lieber Cay. Sie ist sehr intelligent und schreibt ganz wunderbar. Historische Fakten, gemischt mit Romantik und Erotik. Genial!«

Nora geriet regelrecht ins Schwärmen und begann von Sonjas Büchern zu erzählen. Sie beschrieb, wie die Geschichten einen in das frühere Schottland entführten, zumeist in die Zeit rund um das 16. bis 18. Jahrhundert und wie nah die Autorin an den historischen Fakten blieb. Ihre Art zu schreiben, suchte angeblich ihres Gleichen. Das letzte Buch – »Die wilden Affären der Stuarts« – hatte innerhalb eines Tages nach der Veröffentlichung Bestsellerstatus erreicht und war sofort überall vergriffen gewesen.

»Und das muss man in der heutigen Zeit erstmal schaffen. Diese Frau ist ein absolutes Genie. Ich würde den Boden küssen, auf dem sie läuft, nur um ein wenig von ihrem Talent abzubekommen. Bei ihrer zweiten Lesung heute Nachmittag, hole ich mir auf jeden Fall ein Autogramm.«

Nora schien wild entschlossen und Cay musste zugeben, dass ihre Worte ihn ein wenig neugierig gemacht hatten. Vielleicht würde er ihren Büchern eine Chance geben oder zumindest zu ihrer zweiten Lesung gehen, um sie von Beginn an zu hören. Natürlich nur, um seinen männlichen Horizont zu erweitern. Er wollte sich schließlich nicht nachsagen lassen, dass er zu engstirnig dachte und sich keines Besseren belehren ließ.

Erik, Nico, Nora und Cay verbrachten die Zwischenzeit damit sich unter anderem den großen Cosplaywettbewerb anzusehen, bei dem Cay sich bis zum bitteren Ende gegen eine Anmeldung gewehrt hatte. Er war zwar sehr gut darin bei einem LARP-Event in seiner Rolle zu bleiben und sich mit seinen Mitspielerinnen und Mitspielern in den Szenarien zu verlieren, aber auf einer Bühne zu stehen und einen Auf Wikinger zu machen, das war einfach nur peinlich. Nora hatte Verständnis. Dachte er.

»Und unser nächster Kandidat im Einzelwettbewerb ist die männliche Version von Eivor Varinsdottir aus Assassin’s Creed Valhalla. Komm zu uns auf die Bühne, Eivor!«

Cay sah zur Bühne und wünschte sich mit einem Mal sehr stark, dass er seine Waffen hätte mitbringen dürfen. Nora grinste schelmisch und schob ihn vorwärts.

»Geh schon, du heißer Krieger. Gib den Jungs und Mädels da draußen mal etwas für ihre feuchten Träume.«

Widerwillig und im Zuge eines gewissen Pflichtbewusstseins, ging er auf die Bühne, die von zahlreichen Cosplayern umzingelt war.

Er sah grimmig drein, war stockwütend und stellte sich in seiner ganzen Pracht vor das Publikum, welches ihn gespannt musterte. Er sah in die Menge und nahm Kampfhaltung ein. Er war in diesem Moment sehr froh, dass der Großteil seines Gesichtes mit Kriegsbemalung verziert war, denn er spürte augenblicklich, wie ihm die Röte in die Wangen stieg. Doch er war auch sehr verärgert. Also ließ er seinen wilden Blick durch die Menge schweifen. Als er seine Freunde entdeckte, bohrte sein Blick sich regelrecht in Nora, die mit den Händen ein Herz formte und zwinkerte. Ein tiefes Knurren entfuhr seiner Kehle.

»Ich werde dich so lange und qualvoll foltern, bis du dir wünschst, dass du und deine Ahnen niemals geboren worden wären!«

Danach stampfte er unter frenetischem Jubel des Publikums, von der Bühne. Mit stoischem Gesichtsausdruck ging er an seinen Freunden vorbei und flüchtete sich für eine gute Viertelstunde auf die Toilette. Am liebsten wäre er durch den Fliesenboden direkt in seinen Transporter diffundiert. Doch er zwang sich durchzuatmen und ging schließlich zurück zu seiner Gruppe. Dort angekommen, sah er sich mit Erik den Paarwettbewerb an und wunderte sich, wo Nico und Nora abgeblieben waren. Da kamen sie als Mario und Luigi auch schon auf die Bühne und führten ein wilden Tanz auf, bei dem das Publikum in lautstarkes Gelächter ausbrach. Er musste unweigerlich mitlachen und konnte Nora einfach nicht mehr böse sein.

»Oh man, das war der absolute Wahnsinn! Schatz, wir sind einsame Spitze«, freute sich Nora kurze Zeit später und wedelte mit ihrem 25€ Merchandise-Gutschein herum.

Sie hatten immerhin den dritten Platz belegt. Cay beglückwünschte sie ehrlich.

»Aber wie zur Hölle hast du mit deiner lahmen Nummer den verdammten ersten Platz belegt?«

Erik sah auf das Kürbisgroße Kissen in Form einer Katzentatze und den 75€ Gutschein für Mangas und Merchandise. Cay zuckte die Achseln reckte stolz sein Kinn.

»Tja, zum einen dürfte das eine karmische Vergeltung für Noras Versuch sein mich zu demütigen. Und zum anderen habe ich als Wikinger offensichtlich eine verdammt gute Figur gemacht. Allerdings kann ich mit dem Kissen nichts anfangen. Das könnt ihr haben.«

Er drückte es Nico in die Hand, wobei Nora ihn argwöhnisch musterte.

»Ja, ja. Die Jury hat dich mehr mit den Augen ausgezogen als alles andere.«

Cay grinste.

»Tja. Selbst schuld, wenn du mich da als Konkurrenten reinschickst.«

Sie schnalzte mit der Zunge. Natürlich war ihr klar, was sie getan hatte. Außerdem war Cay nicht der Grund, warum sie und Nico den Paarwettbewerb nicht gewonnen hatten. Sie waren zum einen von Sailor Moon und Tuxedo Mask ausgestochen worden, die einen beeindruckenden Tango hingelegt hatten und zum anderen von Ranma männlich und Ranma weiblich, die sich mit sexy akrobatischer Kampfkunst in die Herzen der Zuschauer gekämpft hatten.

»Und was ist mit dem Gutschein?«

»Den behalte ich natürlich. Schließlich habe ich den mit meiner Würde bezahlt. Sieh es als Schmerzensgeld«, erwiderte er und konnte nicht anders als ihr die Zunge herauszustrecken, wie ein kleiner Junge.

Nora setzte gerade zu einer Erwiderung an, als Nico ihr seine Uhr vor die Nase hielt und sie aufgeregt zu quietschen begann.

»Die Lesung geht gleich los! Bewegt euch, Jungs! Los, los, los!«

Dann stürmte sie in ihrem Luigicosplay voraus und die Männer folgten ihr seufzend.

Gut eine Stunde später war die zweite Lesung von Sonja MacKay vorbei und Cay musste zugeben, dass er einen gewissen Respekt für sie empfand. Sie schrieb zwar Schund, aber er schien gut durchdacht zu sein und das historische Fundament machte einen soliden Eindruck. Dennoch irritierte sie ihn. Zwar kannte er sie nicht persönlich, aber etwas an ihr, an ihrem ganzen Auftreten, passte nicht zusammen. Er konnte nur nicht sagen was es war. Sie wirkte selbstbewusst, offen und sexy. Aber dennoch hatte er das Gefühl, dass sie tief und vielfältig wie das Meer war. Doch der Mann, der jemals ernsthaft versuchte sie zu ergründen, würde sich vermutlich die Zähne an ihr ausbeißen.

Okay. Ich reime mir zu viel zusammen. Das ist nicht mein Bier.

Er schüttelte den Kopf über sich selbst. Schon früher hatte er Menschen gelesen wie Bücher. Es hatte Momente gegeben, in denen das etwas Gutes gewesen war, doch er hatte sich damit auch schon mehrfach in die Nesseln gesetzt. Das hatte ihn vorsichtig werden lassen. Es war besser, wenn er nicht zu viel darüber nachdachte. Schließlich hatte er hier noch etwas vor. Er kramte in seiner Tasche und holte den Gutschein hervor, den ihm sein detailliertes Cosplay gepaart mit seiner stoischen Art eingebracht hatte.

Auf zum Merchandise.

Sonja tat die Hand weh. Zwei Lesungen mit viel Publikum und zwei Autogrammstunden mit noch mehr Leuten, die ein individuelles Autogramm in ihre Bücher – oder wie ein paar notgeile Typen – auf diverse Körperteile haben wollten, forderten ihren Tribut. Zwei Männer hatten sie ernsthaft nach ihrer Nummer gefragt und waren so penetrant gewesen, dass Gil sie mehr oder weniger nett des Platzes verwiesen hatte. Nicht, dass sie das nicht auch selbst hinbekommen hätte, aber vor ihren Fans konnte sie nicht so aufdrehen, wie sie es sonst tat.

»Puh, endlich Zeit für mich. Ich sehe mich mal ein bisschen um. Wir sehn‘ uns später, Gil«, sagte sie, sobald der letzte Fan versorgt war.

Noch bevor ihr Manager sie aufhalten konnte, stand sie auf und verschwand schnell in der Menge. Sie wollte unbedingt noch in die Hallen 3 und 4, bevor für heute alles geschlossen wurde. Jedes Jahr aufs Neue genoss sie die aufwendigen Cosplays und bewunderte, wie viel Mühe sich viele der Leute gaben, um ihren Lieblingscharakter perfekt nachzustellen. Zu gern hätte sie sich auch als ein Charakter aus Sailor Moon, Dragon Ball oder Inuyasha verkleidet, doch ihr fehlte das Talent etwas selbst zu nähen oder zu basteln. Daher hatte sie umso mehr Respekt für all diejenigen, die diesen Aufwand auf sich nahmen und auf solchen Veranstaltungen zeigten, woran sie so lange gearbeitet hatten.

Ach Mist. Ich hab den Cosplaywettbewerb verpasst.

Diese Erkenntnis ärgerte sie jedoch nur kurz, denn sie entdeckte an einem der Merchandisestände ein übergroßes Katzentatzenkissen, das sie unbedingt haben wollte. Sie reihte sich in die Schlange ein und schluckte kurz, als sie den Preis dafür sah. Sie überlegte einen Moment lang es doch nicht zu kaufen, rief sich dann aber wieder ins Gedächtnis, dass sie nun wirklich nicht aufs Geld gucken musste und gönnte sich das Kissen einfach.

»Awwww…Es ist so flauschig. Ich liebe es!«, freute sie sich und stieß, als sie sich von dem Stand entfernen wollte, gegen ein großes, festes Hindernis.

Sie wollte sich gerade darüber beschweren, wer da keine Augen im Kopf hatte, als sie nach oben in ein dunkelblaues Augenpaar sah. Es passierte zwar sehr selten, doch sie war sprachlos. Vor ihr stand das perfekte Abbild von Eivor Varinsdottir.

Er trug das originalgetreue Outfit, mit all den Intarsien und kunstvollen Ornamenten auf der Lederrüstung. Die keltischen Schriftzeichen waren teils mit silberner Farbe nachgezeichnet und er schien sogar sein echtes Haar für die Flechtfrisur genutzt zu haben. Und groß war er auch noch. Sie fühlte sich wie ein Teenagermädchen, das gerade seinem heimlichen Schwarm begegnet war. Nur dass sie bereits Ende zwanzig war und ihr Schwarm ein fiktiver Videospielcharakter, der im echten Leben vermutlich irgendein Obermacho war, der – seiner Statur nach zu urteilen – sein halbes Leben im Fitnessstudio verbrachte. Trotzdem wollte sie etwas von ihm, dass nur er ihr hier und jetzt geben konnte.

»Darf ich ein Foto mit dir machen?«

Noch bevor sie sich hatte beherrschen können, war die Frage über ihre vollen Lippen gekommen. Ihn schien ihre Bitte zu irritieren. Er musste auf der Buchmesse doch ständig angesprochen werden. Was war an der Situation jetzt so besonders?

»Mit mir? Nicht von mir?«, fragte er.

Seine Stimme war wie ein Reibeisen, tief, rau und unheimlich sexy. Sie brachte ein Lächeln Zustande.

»Mit dir. Ich bin ein Riesenfan von Assassin’s Creed Valhalla und speziell Eivor hat es mir angetan, daher will ich mit aufs Bild. Geht das für dich klar, Großer?«

Er lachte kurz auf und nickte. Sonja bat eine vorbeilaufende Cosplayerin, die als neunschwänzige Fuchsgottheit verkleidet war, darum das Bild von ihnen mit Sonjas Handy zu machen. Sie stellte sich ganz dicht an Eivor heran und legte ihm eine Hand an den Rücken, woraufhin er sich kaum merklich versteifte.

»Oh, sorry. Bin ich zu dicht an dir dran?«, fragte sie unschuldig.

Sie kannte ihre Wirkung auf Männer nur zu gut. Wobei sie zugeben musste, dass dieser Kollege bisher recht unbeeindruckt von ihr gewirkt hatte. Das war irgendwie angenehm. Vielleicht war er aber auch nur gut darin, sich nichts anmerken zu lassen. Trotzdem strahlte er keinerlei bedrohliche Absichten aus.

»Nein. Alles gut. Ich habe allerdings ebenfalls eine Bitte.«

Sie sah erwartungsvoll zu ihm auf.

Ah ja. Jetzt kommt, was immer kommt.

»Können wir das Ganze nochmal mit meinem Handy wiederholen? Eine Freundin von mir ist ein riesiger Fan von dir und ich will ihr das unter die Nase reiben«, fragte er mit einem belustigten Unterton.

Sonja stutze und überlegte einen Augenblick. Okay, nicht was sie erwartet hatte. Er wusste also wer sie war. Damit hätte sie rechnen müssen. Trotzdem sie sonst eher gegen gemeinsame Fotos mit wildfremden Menschen und vor allem Männern war, stimmte sie seinem Wunsch zu. Er nahm sein Handy zur Hand, was ein amüsantes Bild war, wenn man bedachte, dass er derzeit wie ein altertümlicher Wikinger aussah. Dann gab er es ebenfalls der freundlichen Fuchsgottheit und sie schoss das Foto. Er nahm sein Handy wieder entgegen und bedankte sich bei der Frau.

»Na dann, viel Spaß noch auf der Buchmesse«, meinte er zu Sonja und wollte gehen.

»Wie jetzt? Du fragst mich gar nicht nach meiner Nummer?«

Wieder war ihr Mund schneller gewesen als ihr Verstand und sie wollte sich am liebsten mit ihrer Hand vor die Stirn schlagen. Sie war doch eigentlich froh, dass sie ausnahmsweise mal nicht angemacht wurde. Eivor wandte sich ihr noch einmal zu und zog die Augenbrauen hoch.

»Ähm, das war nicht mein Plan. Also nein. Ist das ein Problem?«

Er klang ehrlich. Das war ungewöhnlich.

»Nein, überhaupt nicht. Ich bin es nur nicht gewöhnt, dass mal keiner versucht mich anzumachen. Von daher: Danke, Großer. Bist scheinbar ein Kerl mit einem Minimum an Anstand.«

Sie klopfte ihm auf die Schulter. Er schüttelte irritiert den Kopf.

»Du bist echt komisch.«

»Ja. Scheint wohl so. Naja, dann will ich mal wieder. Bevor mir jemand mein Katzentatzenkissen klaut oder noch schlimmer, mein Manager mich einfängt. Schließlich will ich heut noch einen draufmachen. Also dann. See ya, Vikingboy«, trällerte sie und zog gut gelaunt von Dannen.

Cay stand noch einige Momente lang neben dem Merchandisestand, sah Sonja nach und versuchte in seinem Kopf zu ordnen, was gerade passiert war. Er sah auf sein Handy und betrachtete das eben erst geschossene Bild von ihnen beiden. Nicht nur sah es aus, als ob ein Playboybunny sich neben einem schmutzigen Riesen hatte Fotografieren lassen, dieses Bild war insgesamt einfach nur wild und unwirklich. Er hätte im Leben nicht damit gerechnet, dass dieses objektiv perfekt gebaute, barbieartige, annähernd engelsgleiche Geschöpf, das alles ausstrahlte, was ihm bei einer Frau die Nackenhaare zu Berge stehen ließ, sowas wie ein Nerd war. Gut, Eivor zu erkennen machte noch keinen echten Nerd aus ihr. Aber sie hatte definitiv etwas nerdiges an sich, trotz ihrer offensichtlichen Affinität zu teurer Mode und perfekt manikürten Fingernägeln. Und er hatte Recht behalten: Sie hatte es faustdick hinter den Ohren.

Das Mädel weiß ganz genau, wie sie ihr Publikum spielen muss. Aber privat hat sie sicher ein richtig dreckiges Mundwerk, dachte er bei sich und konnte nicht verhindern, dass ein Lächeln seine Lippen umspielte.

Doch nach ihrer Nummer hätte er sie trotzdem nie gefragt. Das wäre eine sinnlose Aktion gewesen. Sie war nicht die Art Frau, die er in seinem Leben neben sich sah. Und er hatte gerade anderes zu tun, als in der Gegend herumzuflirten oder sich etwas Hübsches fürs Bett zu suchen.

Als er gerade sein Handy in seine Tasche steckte, traf ihn etwas Weiches am Hinterkopf. Trotzdem es nicht weh getan hatte, drehte er sich verärgert um. Auf dem Boden neben ihm, lag das Katzentatzenkissen, das er zuvor gewonnen hatte. Er hob es auf, bevor jemand drauftrat und funkelte Nico wütend an.

»Was soll das?«

Nico zuckte grinsend die Achseln, während Erik bei Cays verdattertem Anblick losprustete.

»Wir haben beschlossen, dass du das Kissen mal schön behalten sollst. Hast es dir schließlich ehrlich mit deiner ach so tollen Würde verdient, großer Wikinger«, ließ Nora verlauten, die sich von ihrem Gutschein einen kleinen Plüschyoshi gekauft hatte.

Cay klemmte sich resignierend das Kissen unter den Arm und zückte dann sein Handy, um es seiner Freundin triumphierend unter die Nase zu halten. Nora bekam große Augen und schnappte ungläubig nach Luft.

»Das glaube ich einfach nicht! Du hast tatsächlich ein Foto mit Sonja MacKay bekommen? Wie zum Henker hast du das denn geschafft? Sie ist da superpenibel und lässt sich so gut wie nie mit Fans fotografieren. Oh mein Gott…«

Nora starrte auf das Bild, als hätte Cay das Monster von Loch Ness abgelichtet und schien für einen Moment eine tiefe Bewunderung für ihn zu hegen. Als er ihr jedoch eröffnete, dass Sonja zuerst ihn um ein Foto gebeten hatte, verpuffte diese Bewunderung gleich wieder.

»Oh man, Cay. Du hast mehr Glück als Verstand, weißt du das? Aber gut. Ich bin ein treuer und guter Fan und gebe mich mit meinem Autogramm mit persönlicher Widmung zufrieden. Und vielleicht kann ich dich überreden mir dieses wunderhübsche Foto auch zu schicken? Mein lieber, guter, allerbestester Lieblingskumpel?«

Nico schüttelte lachend den Kopf, als Nora sich zu Cay stellte und ihm in ihrem Luigicosplay versuchte zu bezirzen. Es sah unglaublich albern aus. Und Cay blieb davon, wie nicht anders zu erwarten, vollkommen unbeeindruckt.

»Nope.«

»Aber wieso nicht?«, fragte sie enttäuscht.

Cay seufzte.

»Nora. Du hast doch selbst gesagt, dass sie da sehr vorsichtig ist. Glaubst du, dass sie es dann gut finden würde, wenn ich dieses Bild einfach an jemand anderen weitergebe? Das wäre doch ziemlich verantwortungslos, oder?«

Ein wenig hatte er das Gefühl einem Kind zu erklären, was es falsch gemacht hatte, denn Nora wirkte mit einem Mal sehr schuldbewusst. Sie war schon ein echtes Unikat. Kein Wunder, dass sie und Nico schon so lange in Paar waren. Schon immer waren sie wie Pech und Schwefel gewesen und nichts hatte die beiden je auseinanderbringen können. Das bewunderte er.

Nora verstand, was er meinte und ließ locker. Die restliche Zeit auf der Buchmesse verbrachten sie damit noch eine Runde durch die Halle zu drehen. Anschließend verabschiedeten sie sich für den Tag voneinander. Cay machte sich zunächst auf den Weg in seine Pension, um sich umzuziehen. Später wollte er den Abend vielleicht noch irgendwo bei einem Bier ausklingen lassen.

Nachdem Sonja wieder zu Gil zurückgekehrt war, hatte er ihr erst einmal eine Standpauke gehalten, dass sie ohne ihn als Bodyguard nicht einfach hätte losgehen dürfen. Sie sei schließlich berühmt. Was, wenn ihr ein übereifriger Fan zu nahekam und sie bedrängte?

»Ach, jetzt komm mal runter, Gil. Ich kann auf mich selbst aufpassen. Und sein wir ehrlich. Du bist jetzt nicht gerade das Abbild eines Bodyguards.«

Gil schnaufte und sah aus, als hätte er gern widersprochen. Doch auch er wusste, dass Sonja mit ihrer Einschätzung absolut richtig lag. Sie blickte auf das Bild von sich und dem Eivor-Cosplayer. Bereits jetzt hatte sie dank dieser Begegnung schon wieder etliche Notizzettel vollgekritzelt und in ihre Taschen geknüllt.

Das ist schon viel eher ein Bodyguard, dachte sie und konnte nicht leugnen, dass sie sich bei ihm gut aufgehoben fühlen würde.

Doch das wollte sie Gil auf keinen Fall sagen. Der hielt ihr sonst nur noch einen weiteren Vortrag. Also machte sie sich mit ihm erst einmal auf den Weg zurück ins Hotel.

»Aber du brauchst dir nicht einbilden, dass ich heute Abend im Hotel hocken bleibe, mein lieber Gil. Ich geh noch feiern!«

Gilbert nickte resignierend. Er wusste, dass er ohnehin keine Chance hatte sie von irgendetwas abzuhalten. Als ihm der Verlag gesagt hatte, dass er sich nur um eine einzelne Autorin kümmern sollte, hätte er nicht erwartet, dass es so anstrengend werden würde. Sonja war schwerer zu hüten als ein Sack Flöhe. Einerseits hatte sie ständig neue wilde Ideen für Bücher und stürzte sich kopfüber in den Rechercheprozess, während sie andererseits von einer Party zur anderen pilgerte, um möglichst ausgelassen zu feiern. Erstaunlicherweise hatte sie trotz allem keinerlei Männergeschichten. Es war, als hätte sie kein echtes Interesse an ihnen. Gil wurde nicht recht schlau aus ihr. Als ihr Manager konnte es ihm egal sein, solange sie nicht in irgendeiner Bar den nächstbesten Kerl auf ein Klo zerrte.

Doch als Mensch frage ich mich manchmal, was mit ihr wirklich los ist.

 

Ein paar Stunden nachdem sie im Hotel gewesen war und sich frisch gemacht hatte, war sie mit einem Taxi in die Innenstadt gefahren und in den erstbesten Club gegangen, den sie gesehen hatte. »Silbergold« hieß er und schien eher ein Studentenclub zu sein. Der Laden erinnerte sie ein wenig an das »Elsterartig« in Leipzig. Hier wurde, genauso wie dort, eine Mischung aus Electro- und Indie Musik gespielt. Das war etwas, womit sie für einen Abend voller lockerem Spaß arbeiten konnte, auch wenn ihr eigener Musikgeschmack ein anderer war.

Sie ging erhobenen Hauptes und mit einem selbstbewussten Gesichtsausdruck an die Bar und bestellte sich ein Kirschbier. Es war noch nicht allzu viel los, daher war sie schnell an der Reihe. Der Barkeeper, ein großer, glattrasierter Typ mit einem Zahnpastalächeln, wie es sonst nur Amerika hervorbrachte, bediente sie.

»Bitte, du Schönheit. Mein Name ist Hannes und dein Drink geht auf mich«, säuselte er und zwinkerte ihr zu.

Sonja strahlte ihn offenherzig an und berührte beim Entgegennehmen des Bieres beiläufig seine Finger.

»Awwww…Das ist ja so süß von dir, Hannes. Danke schön.«

Dann warf sie ihr offenes Haar zurück, drehte sich um und ging.

Idiot.

Sonja setzte sich auf einen der bunten Stoffsessel, die um die Tanzfläche herum verteilt waren und nippte an ihrem Getränk. Es war noch nicht einmal 23 Uhr, also war es nicht verwunderlich, dass sich der Laden erst noch füllte. Sie sah, wie stetig Leute aus dem unteren Eingangsbereich nach oben kamen. Die Altersstufen waren recht durchmischt. Von geradeso achtzehn bis Mitte vierzig war alles vertreten, was zum Teil der Buchmesse geschuldet sein mochte. Obwohl sie fand, dass sie sich für ihre Verhältnisse eher schlicht gekleidet hatte – schwarzer knielanger Faltenrock, hellblaues Spaghettiträger Top über einem weißen Spitzen-BH mit passendem Höschen und graue, knöchelhohe Stiefel – musterte der Großteil der ankommenden Männer sie anzüglich und schienen damit sogleich den Ärger der teils weiblichen Begleitungen auf sich zu ziehen. Dabei würde sie sich eher einen Finger abhacken als mit einem Mann zu flirten, der offensichtlich vergeben war.

Und ich sehe gar nicht ein mich zu verstecken, nur weil ich hübsch und ziemlich gut gebaut bin. Aber der generelle Hass außerhalb der Bücherszene nervt teilweise ganz schön, das muss ich zugeben.

Etwas frustriert von dem Gedanken, trank sie den Rest ihres Kirschbiers in einem Zug aus und ging erneut zur Bar, um sich ein Neues zu bestellen. Sie war noch nicht einmal richtig angekommen, da gesellte sich bereits ein Mann zu ihr.

»Das Getränk der Dame geht auf mich«, sagte er mit einem leichten Dialekt, von dem sie sich nicht sicher war, woher er kam.

Sonja warf ihm einen Seitenblick zu. Er war groß, weißblond, bildhübsch und im Grunde ihr männliches Äquivalent. Sie sah ihm sofort an, dass er kein Gramm Fett am Körper hatte und genau wusste, dass er der heißeste Typ im Club war. Seine objektive Schönheit wusste sie durchaus zu schätzen und war tief beeindruckt davon ein Exemplar von solcher Makellosigkeit zu Gesicht bekommen zu haben. Aber er ließ sie kalt.

Auf dem Papier würden wir allerdings ein unfassbar schönes Paar abgeben.

Sie rang sich ein charmantes Lächeln ab.

»Und was möchtest du Schönling dafür von mir? Einer wie du gibt keiner Frau einen Drink ohne Hintergedanken aus.«

Er lachte auf und musterte sie dann mit seinen eisblauen Augen.

»Da hast du allerdings recht. Hauptsächlich will ich einen spaßigen Abend haben. Und dafür habe ich mir die attraktivste Frau im ganzen Club ausgesucht. Ich bin übrigens Joel«, bestätigte er, was sie sich bereits dachte.

Natürlich war er letztendlich auf eine heiße Nacht aus. Sie hatte nichts anderes erwartet. So ein Typ interessierte sich nie für die Persönlichkeit einer Frau. Schon gar nicht für ihre. Und als ob sie nicht wusste, dass sie gut aussah. Aber sie beschloss ein wenig auf sein Spiel einzusteigen. Sie war gespannt, mit welcher Masche er versuchen würde sie ins Bett zu bekommen. Würde er sie umgarnen und versuchen zu bezirzen oder würde er sie drängen und versuchen es mit ihr im Fotoautomaten zu treiben? Jedenfalls freute sie sich sehr darauf ihm eine kalte Dusche zu verpassen und dann einfach zu verschwinden.

»Oh, so ein Zufall. Spaß ist auch mein Ziel heute. Ich bin Sonja. Willst du vielleicht ein wenig tanzen, Joel?«

Sie schnappte sich ihr neues Kirschbier und schlenderte voraus in Richtung Tanzfläche, ohne seine Antwort abzuwarten. Ihre neue Bekanntschaft folgte ihr mit einem selbstsicheren Grinsen.

Er hatte ewig in der Schlange stehen müssen, um endlich in den Club reinzukommen. Die umliegenden Bars waren alle genauso heillos überfüllt und er hatte nicht noch länger suchen wollen.

Ich will doch nur mein Bierchen trinken und gute Musik hören.

Sobald er drin war, schrieb er die gute Musik direkt wieder ab, da er weder für Electro noch für Indie etwas übrighatte. Aber auf ein Bier hatte er noch Hoffnung. Er ging die Treppe hoch, an den Toiletten und einem Fotoautomaten vorbei. Überall in dem großen Raum standen verschiedene Polstermöbel herum, die von Menschen unterschiedlichster Altersspektren bevölkert waren, während die große Masse an Leuten sich auf der Tanzfläche vergnügte. Aber auch an der Bar war einiges los, sodass Cay erneut eine Weile anstehen musste, um sein Getränk zu bekommen.

Zu seinem Glück ergatterte er sogar einen Sitzplatz nahe der Tanzfläche und sah sich in Ruhe um. Er hatte nicht vor selbst zu tanzen. Nicht zu dieser Musik. Doch die meisten anderen hier schienen die Unterhaltung entweder zu genießen oder waren schon betrunken genug, dass ihnen egal war was lief. Er entdeckte etliche studentische Kleingruppen, die man hier vermutlich regelmäßig antreffen konnte, genauso aber auch Pärchen und Leute, die solo hergekommen waren.

Trotz der Vielfalt an Charakteren, kam Cay sich in diesem Menschengetümmel wie ein Exot vor. Er hatte sein Cosplay vorhin zwar ausgezogen, war duschen gegangen und hatte die Kriegsbemalung entfernt, aber seine Frisur hatte er beibehalten. Nun saß er dort, in einem geblümten Sessel und hatte eine schwarze Jeans mit Sneakern und einem Metalband-Shirt an. Dass er aussah, wie ein Typ, der nicht in diese Art Club ging, war ihm vollkommen klar.

Was soll‘s. Ich genieße einfach das Kino. Hier kann man super das Balzverhalten des gemeinen, männlichen homo sapiens beobachten.

In seiner Studienzeit hatten seine Kommilitonen ihn oft genug in derartige Clubs geschleift. Er wusste ganz genau wie ein Kerl aussah, der schlicht darauf aus war heute Nacht eine willige Studentin flachzulegen. Er wollte nicht abstreiten, dass auch Frauen so etwas taten. Statistisch gesehen kam es umgekehrt allerdings häufiger vor.

Und da haben wir es auch schon. Der Klassiker.

Auf der Tanzfläche erblickte er einen hochgewachsenen Mann mit sehr hellem Haar, der sich seiner Sache sicher zu sein schien. Er tanzte so eng wie möglich mit einer gut gebauten Blondine, die sich aufreizend im Takt bewegte und das ganze Spiel sehr zu genießen schien. Sie nahm einen Schluck von ihrem Getränk und drückte es dem Kerl anschließend in die Hand, um sich mit ihren eigenen Händen über den Körper zu fahren und ihm offenbar noch schmackhafter zu machen, was er diese Nacht haben könnte. Es schien, als würde sie voll auf ihn einsteigen, bis er versuchte sie an sich zu ziehen.

Sie spielt aber auch ganz schön mit dem Feuer. Meine Fresse.

Cay schüttelte den Kopf und verfolgte diese und weitere Szenen, die sich ihm boten, interessiert weiter. Manchmal hätte er gern soziale Studien an solchen Orten durchgeführt. Hier entwickelten Menschen sich effektiv zu Neandertalern zurück. Fehlte nur noch, dass einer seine Keule schwang um seine Auserwählte bewusstlos zu schlagen.

Er selbst würde sich nie dazu herablassen eine Frau, die ihn ernsthaft interessierte in einer Disko oder in einem Club anzumachen, wie ein verzweifeltes Würstchen.

»Wenn ich nach deinem Körper schiele, denk ich nur an Doktorspiele. Es wär so schön, wenn’s dir gefiele, meine geilen Doktorspiele…«, erklang der Text des Liedes von Alex C. aus den Boxen und Sonja gab sich dem Beat hin.

Nach dem zweiten Kirschbier fühlte sie sich wesentlich lockerer und hatte eine morbide Freude daran, Joel mit ihren verführerischen Bewegungen den Kopf zu verdrehen. Immer wieder versuchte er sie an sich zu ziehen, um sie selbst berühren zu können. Sie wich ihm allerdings aus oder schob ihn sanft von sich. Sie wollte nicht, dass er ihr so nahekam. Ein wenig anheizen war okay für sie. Aber sie hatte nicht vor irgendetwas Tiefergehendes mit ihm anzustellen.

»Willst du noch ein Bier?«, fragte er und sie hätte schwören können einen gewissen Ärger in seinem Blick zu sehen, den er jedoch schnell mit einem Lächeln überdeckte.

»Klar«, sagte sie und tanzte ein paar Minuten für sich allein.

Ihr war bewusst, dass sie bei Joel die Bremse ziehen musste. Es gab einen Punkt ab dem manche Männer wütend wurden, wenn sie merkten, dass es nicht reichte, wenn sie versuchten sich Sex mit Getränken zu erkaufen. Allerdings holte sie genau diese Sorte Mann nur zu gern auf den Boden der Tatsachen zurück. Sie war sich sehr sicher, dass Joel in seinem Leben noch nie abgewiesen worden war. Diese Lektion würde er heute lernen.

»Hier.«

Nur wenig später war er zurück und reichte ihr ein neues Kirschbier. Sie bedankte sich und nahm einen großen Schluck. Der seltsame Glanz, der in seinen kalten Augen entstand als er ihr beim Trinken zusah, beunruhigte sie irgendwie.

»Hast du da was reingetan?«, fragte sie ihn geradeheraus, denn sie merkte fast sofort, wie sie ein seltsames Gefühl im Kopf bekam.

Joels Kinnmuskel zuckte einen Moment, dann lächelte er wieder.

»Ach was. Du sollst dich nur ein bisschen locker machen. Mehr nicht. Komm her.«

Dann versuchte er sie an sich zu ziehen und Sonja wusste nun ganz genau, woher der Wind wehte. Doch es war zu spät. Ihre Sinneswahrnehmungen wurden unschärfer und ihr Körper fühlte sich seltsam an. Dennoch versuchte sie sich mit Händen und Füßen gegen Joel zu wehren, der sie immer wieder in seine Arme schließen und berühren wollte.

Dieser gottverdammte Wichser! Scheiße…mein Körper…ich kann mich nicht…

 

Erst als der Typ sie für ein paar Minuten allein auf der Tanzfläche ließ, erkannte Cay, wer die Frau war, die so aufreizend getanzt hatte.

Sonja?

Die Welt war manchmal echt ein Dorf. Und doch wunderte es ihn irgendwie nicht, sie in einem dieser Clubs zu sehen. Sie hatte ihm gegenüber schließlich angekündigt, dass sie heute noch etwas vorhatte. Doch der Kerl wirkte nicht, als würde sie ihn schon lange kennen und so, wie sie mit ihm getanzt hatte schien es, als hätte sie kein ernsthaftes Interesse an ihm. Nicht, dass es Cay etwas anging. Er konnte nur das Gefühl nicht ignorieren, dass etwas nicht stimmte. Wenige Minuten nachdem der Schönling zurückgekehrt war und Sonja ihr Getränk gegeben hatte, wusste er was es war.

Scheiße!, schoss es ihm durch den Kopf, als er sah, wie sie auf der Tanzfläche in sich zusammensank und ihr Tanzpartner selbstgefällig zu grinsen begann, als er sie fing.

Ohne auch nur eine Sekunde zu verschwenden, stand er auf und bahnte sich seinen Weg auf die Tanzfläche. Er drängte mühelos jeden zur Seite, der ihm im Weg war. Sobald er bei Sonja ankam, packte er den blonden Mann am Handgelenk und zwang ihn sie loszulassen.

»Hei! Die gehört mir, du Schwachmat.«

Cay erwiderte nichts darauf und versenkte stattdessen seine Faust in seinem perfekten Gesicht, woraufhin er schreiend zu Boden ging und Sonja losließ. Diese murmelte etwas vor sich hin und hielt sich sehr mühsam auf den Beinen. Nur wenige Sekunden später kam die Security auf die Fläche gestürmt und Cay klärte sie auf, bevor sie ihn in Gewahrsam nehmen konnten.

»Hei! Hört mir bitte erstmal zu. Der Typ muss ihr irgendwas ins Getränk gemischt haben. Sie kann kaum stehen und richtig bei Bewusstsein ist sie auch nicht mehr. Vor ein paar Minuten war aber noch alles in Ordnung.«

Er versuchte so ruhig wie möglich zu bleiben, da er sich gerade viel mehr Sorgen um Sonja machte, die nun völlig hilflos in seinen Armen hing. Die Männer von der Security sahen sie sich zunächst an und versicherten ihm, dass sie umgehend die Polizei verständigen würden. Sie empfahlen für Sonja einen Besuch in der Notaufnahme, damit direkt Blut bei ihr angenommen werden konnte.

»Und lassen Sie sie auf keinen Fall aus den Augen. Sie schafft bis morgen nichts mehr allein. Ich würde gern sagen, dass wir sowas hier noch nie hatten, aber leider gibt es solche Arschlöcher überall«, erklärte einer der Wachmänner und ihm stand die Wut ins Gesicht geschrieben.

Der schöne Mann am Boden würde eine ganze Weile lang nichts mehr zu lachen haben. Cay wurden sonst keine weiteren Fragen gestellt und er durfte mit Sonja gehen, was sich allerdings schwierig gestaltete, da sie nicht ohne Hilfe stehen konnte.

Letzten Endes nahm er sie auf seine Arme, holte ihre Sachen an der Garderobe und nahm ein Taxi in die Notaufnahme. So hatte er sich den Ausgang dieser Nacht nicht vorgestellt. Aber er war froh, dass er zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen war. Wer wusste schon, was ihr sonst in dieser Nacht passiert wäre?

In der Notaufnahme machten sie tatsächlich nichts weiter, außer Sonja Blut abzunehmen und Cay zu erklären, was er nun die Nacht über zu tun hatte. Da er befürchtete, dass man ihn rauswerfen würde, wenn er sagte, dass er sie kaum kannte, spielte er mit als der Arzt annahm, dass er ihr Freund sei. In der Notaufnahme war viel los, daher wurden nicht allzu viele Fragen gestellt und man wollte die Leute schnell wieder loswerden, die nicht gerade schwer verletzt waren.

»Achten Sie unbedingt darauf, dass sie viel Wasser zu sich nimmt. Da sie aber noch eine Weile weggetreten sein wird, könnte sie ersticken, falls sie sich übergeben muss. Lassen Sie sie also nicht aus den Augen, bis sie wieder richtig wach ist«, wies der Arzt an.

Cay blickte besorgt auf die hilflose Sonja. Sie versuchte immer wieder irgendwie hochzukommen und etwas zu sagen, doch sie rutschte sogleich wieder in eine annähernde Bewusstlosigkeit.

»Und wie lange wird das dauern?«

»Nun ja. Vermutlich bis in die Mittagsstunden hinein. Dann wird sie sich fühlen, als hätte sie einen heftigen Kater.«

Cay nickte und verließ das Krankenhaus wieder mit ihr. Draußen durchsuchte er ihre Handtasche und fand, neben etlichen zerknüllten Papierchen, einen Hotelzimmerschlüssel.

»Okay. Dann wollen wir dich mal in dein Hotel bringen. Und wehe du köpfst mich morgen, wenn ich dir versuche zu erklären, was passiert ist.«

Cay konnte ja selbst kaum glauben, was hier abging. Doch was hätte er tun sollen? Sie einfach diesem widerlichen Bastard überlassen und wegsehen?

Niemals.

Solche Menschen waren das Allerletzte. Also brachte er sie so schnell wie möglich in ihr Hotel.

Auf ihrem Zimmer kümmerte er sich die ganze Nacht um sie. Und wenn er eine ganze Woche hätte über sie wachen müssen, er hätte es ohne zu zögern getan, obwohl er nicht wusste, weshalb.

Er flößte ihr immer wieder Schluckweise Wasser ein, damit sie genügend Flüssigkeit zu sich nahm, hielt sie davon ab in ihrem Delirium aufzustehen, außer um sie bis zur Toilette zu begleiten und musste einmal sehr schnell handeln als sie sich übergab. Glücklicherweise war der Mülleimer schnell zur Hand gewesen. Die Mülltüte hatte er daraufhin schnellstmöglich entsorgt und durch eine frische ersetzt.

Das Gesicht wischte er ihr vorsichtig mit einem feuchten Handtuch ab, wobei er feststellen musste, dass sie ungeschminkt war. Dann saß er eine ganze Weile still neben ihr auf der Bettkante und hörte ihrem Atem zu, der nun wieder ruhig und gleichmäßig ging. Er war froh, dass sie schlief und hoffte, dass sie am Morgen keine allzu schlimmen Nachwirkungen haben würde.

Da drehte Sonja sich auf ihrem Bett auf die Seite und öffnete für einen Moment ihre Augen ein Stück.

»Danke…Eivor…«

Es war nicht mehr als ein Murmeln, aber Cay hatte es genau verstanden. Er lächelte und musste dem Impuls wiederstehen ihr über den Kopf zu streicheln. Stattdessen setzte er sich auf den Boden neben dem Bett, wo er Wasser, Handtücher und einen Eimer weiterhin bereithielt.

Was zuerst in ihr Bewusstsein drang, war ein unheimlicher Druck auf ihrer Blase. Als sie versuchte aufzustehen, kam der hämmernde Kopfschmerz dazu.

»Scheiße…Was ist denn mit mir passiert?«, murmelte Sonja und setzte sich langsam auf.

Sie fühlte sich, als hätte sie den Kater ihres Lebens, was eigentlich gar nicht sein konnte, weil sie sich niemals betrank. Sie achtete stets darauf nicht mehr als ein wenig angeheitert zu sein. Die Kontrolle über alles, was geschah zu behalten, war ihr äußerst wichtig. Nun, da sie eine erfolgreiche Romanautorin war, mehr denn je. Doch offensichtlich hatte ihr diese löbliche Einstellung in der letzten Nacht gar nichts gebracht. Beim Versuch sich daran zu erinnern, was gestern geschehen war, sah sie sich um und begann die Lage durch zu analysieren, in der Hoffnung, dass ihr selbst nichts passiert war.

Okay. Ich bin immerhin schon mal in meinem Hotelzimmer und nicht in irgendeinem heruntergekommenen Loch von WG eines BWL-Studenten. Angezogen bin ich auch noch und es fühlt sich auch nichts anders an meinem Körper an. Bloß gut. Ich habe mit niemandem geschlafen. Das wäre ein echt beschissenes erstes Mal gewesen. Aber wie…?

Weiter kam sie mit ihren Gedanken nicht. Denn neben sich auf dem Boden entdeckte sie einen unbekannten Mann, der an die Wand gelehnt schlief. Um ihn herum standen ein paar leere Wasserflaschen und ein Eimer. Außerdem lagen zerknüllte Handtücher herum. Offenbar hatte er die ganze Nacht hier gesessen. Aber warum? Sie konnte sich nicht erinnern ihm im Club begegnet zu sein.

»Stimmt. Der Club…Joel…mein letztes Kirschbier…ah, diese miese kleine Kakerlake!«, schimpfte Sonja und hielt sich direkt wieder den Kopf, der erneut zu hämmern begann.

Der Typ auf dem Boden war allerdings nicht Joel. Wieso war er hier? Hatte er ihre Situation ausnutzen wollen? Aber sie war unversehrt und er wäre dumm gewesen dann auch noch hierzubleiben. Sie betrachtete ihn etwas genauer. Er trug klassische, aber ziemlich große Sneaker.

Meine Fresse, der hat doch locker Schuhgröße 50!

Ihr Blick wanderte seine schwarze Jeans hinauf, die ein paar gut definierte Beine verhüllte und blieb einige Momente auf dem ebenso dunklen Shirt mit Bandaufdruck hängen. Er hatte ziemlich breite Schultern und schien gut trainiert zu sein. Dieser Körperbau erinnerte sie an jemanden. Und als sie sein Gesicht und die Frisur genauer unter die Lupe nahm, war ihr klar wer er war, obwohl sie es kaum glauben konnte.

»Eivor?«

Sie rutschte vom Bett herunter und setzte sich vor ihn. Seine streng wirkenden Gesichtszüge waren entspannt und nun, wo die Kriegsbemalung weg war, sah er sanft und freundlich aus. Er war nicht dieser klassisch schöne Mann, wie sie ihnen sonst um sich herum begegnete, doch er hatte etwas an sich, das ihr ein wohliges Gefühl gab. Ehe sie sich zurückhalten konnte, strich sie ihm über seine linke Schläfe und betastete den langen, in Lederriemen gebundenen Feldherrenzopf.

Plötzlich schnellte seine Hand hoch und packte die ihre. Sonja rührte sich vor Schreck keinen Millimeter, obwohl sie sonst eher der schlagfertige Typ Frau war. Eivor öffnete brummend die Augen. Das dunkle Blau fixierte sie, sodass sie sich seinem Blick nicht entziehen konnte. Als er sie erkannte, sah sie, wie seine Anspannung purer Erleichterung wich.

»Gott sei Dank. Du bist wieder wach.«

Seine tiefe Stimme streichelte sie regelrecht. Er lockerte seine Hand und ließ sie frei. Sonja brachte ein schwaches Lächeln zustande.

»Naja, wach ist ein dehnbarer Begriff. Mein Schädel ist übel und oh…«

Sie unterbrach sich, stand hastig auf und stolperte ins Badezimmer, bevor ein Unglück geschah.

»Puh, das war knapp«, seufzte sie, als sie sich wieder zu ihm auf den Boden setzte.

Sie erntete einen besorgten Blick.

»Alles okay?«

»Ja, ich musste nur echt dringend pinkeln.«

Eivor blinzelte ein paar Mal und lachte laut auf, worauf hin Sonja einen gequälten Laut von sich gab.

»Oh, entschuldige. Hast du hier irgendwo ein paar Aspirin oder sowas?«

Sie zeigte auf ihr Kosmetiktäschchen auf dem Nachttisch und er reichte es ihr. Sonja warf sich zwei Kopfschmerztabletten ein und spülte mit Wasser nach. Erst jetzt merkte sie, wie durstig sie eigentlich war. Sie leerte die restliche Flasche in einem Zug.

»Danke, Eivor. Und jetzt wüsste ich gern, was gestern genau passiert ist, nachdem es mich ausgeknockt hat. Und vor allem: Warum bist du hier und nicht dieser Widerling, dem ich definitiv noch die Eier abreißen werde, wenn ich ihn jemals finden sollte.«

Ihr Gegenüber überlegte einige Augenblicke. Bevor er antwortete, stand er auf, half ihr auf die Beine und sie setzten sich gemeinsam auf die Bettkante.

»Also, zuerst mal ist mein richtiger Name Cay. Aber danke für das Kompliment zu meinem Cosplay«, fing er an und sie konnte nicht leugnen, dass sie sowohl den Klang seiner Stimme als auch seinen richtigen Namen mochte.

Dann rekonstruierte er die letzte Nacht für sie, was Sonja einen echten Schock versetzte. Offenbar hatte Joel ihr tatsächlich K.O. Tropfen in ihr Getränk gemischt und hatte sie sich somit gefügig machen wollen. Da Sonja sich kaum noch an etwas nach dem letzten Schluck Bier erinnern konnte, hätte er das wohl auch geschafft, wenn Cay nicht gewesen wäre.

»Und in der Notaufnahme sagten sie, dass ich dich auf keinen Fall allein lassen soll, weil du in deinem Zustand viel Flüssigkeit brauchst und du hättest wohl auch an deinem Erbrochenen ersticken können. Deshalb bin ich dageblieben. Und keine Sorge. Ich habe dich nicht angefasst, außer um dich zu tragen und aufs Bett zu legen«, versicherte Cay ihr.

Sonja konnte kaum glauben, was er sagte, und musste über ihre eigene Dummheit den Kopf schütteln. Dann kam ihr ein anderer Gedanke. Wenn ihr das passiert war, wäre ihr das unfassbar peinlich gewesen.

»Oh Gott! Hab ich etwa gekotzt?!«

Sie blickte auf die zusammengeknüllten Handtücher und ahnte Schlimmes. Doch Cay verneinte es. Die Handtücher habe er lediglich genutzt, um zu verhindern, dass Sonja nass wurde, während er ihr Wasser zugeführt hatte, versicherte er. Cay sagte all das mit einer Ruhe und Selbstverständlichkeit, die ihr unbegreiflich war.

»Warum hast du dir das nur angetan? Versteh mich nicht falsch. Ich bin dir ehrlich sehr dankbar. Aber du hast dir für eine völlig Fremde die Nacht um die Ohren gehauen und mich vermutlich sogar vor einer Vergewaltigung gerettet. Die meisten Leute hätten sich nicht um eine Betrunkene in einem Club geschert. Was versprichst du dir davon?«

Er wirkte von ihren Worten gekränkt und stand auf.

»Was ich mir davon verspreche? Ernsthaft?«, fragte er.

Sie sah zu ihm auf, wie er dort in seiner vollen Größe vor ihr stand. Offensichtlich hatte sie ihn irgendwie verärgert. Sonja zuckte die Achseln. Da hockte Cay sich vor sie und war nun annähernd mit ihr auf Augenhöhe. Sein Gesicht nahm wieder sanftere Züge an.

»Ich habe bereits bekommen, was ich mir davon versprochen habe dir zu helfen. Zum einen gibt es nun ein freies Arschloch weniger auf der Welt, weil dein lieber Schönling direkt vor Ort verhaftet wurde. Und zum anderen hast du die Nacht unbeschadet überstanden und ich weiß, dass es dir gut geht. Was will ich denn mehr?«

Wieder war sie ratlos.

»Keine Ahnung. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich damit umgehen soll«, erwiderte sie und nestelte nervös an ihren Fingern herum.

Er grinste und bekam dabei kleine Fältchen um seine Augen, was ihn noch sanfter wirken ließ. Dann hob er seine Hand und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Normalerweise hätte jeder Kerl, der das versuchte, sich sofort eine Ohrfeige gefangen. Doch bei Cay setzte dieser Reflex nicht ein. Nichts an ihm schrie ‚schwanzgesteuerter Vollpfosten‘ oder ‚ich will mich in deinem Ruhm sonnen‘. Das war noch nie vorgekommen.

»Alles gut. Das musst du auch nicht. Ich war da und habe gehandelt. Mehr nicht. Und jetzt muss ich langsam los. Ich habe noch eine lange Fahrt vor mir.«

Dann wandte er sich zum Gehen und Sonja spürte, wie es ihrem Herz einen Stich versetzte. Aus einem Impuls heraus stand sie auf und griff nach seinem Arm. Er fühlte sich fest und definiert an. Cay hielt inne und drehte sich noch einmal zu ihr um. Sonja stellte sich auf die Zehenspitzen, zog ihn ein Stück zu sich runter und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

»Danke, Cay.«

Der Kuss war nur ein kurzer Hauch und ihre Worte nicht mehr als ein Flüstern, doch für ihn bedeutete es die Welt. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und er räusperte sich.

Ich muss hier weg.

»Gern geschehen«, brachte er hervor, ergriff die Türklinke und ging.

Erst als er durch die Lobby gegangen und vor dem Hoteleingang angekommen war, blieb er stehen. Es hatte ihn all seine Selbstbeherrschung gekostet, sie nicht an sich zu ziehen und einen leidenschaftlichen Kuss von ihr zu fordern. Dabei kannte er sie kaum und sein Typ war sie im Grunde auch nicht, weil er nichts auf oberflächliche Schönheit gab. Trotzdem fühlte er sich unnatürlich stark zu ihr hingezogen. Es war zwar schon eine ganze Weile her, dass er etwas mit einer Frau gehabt hatte, doch bisher hatte er sich nicht sonderlich daran gestört.

Jetzt ist es auch egal. Wir werden uns eh nicht wiedersehen.

Also machte er sich auf den Weg zu seiner Pension, damit er schnellstmöglich nach Leipzig aufbrechen konnte.

Nachdem Cay gegangen war, hatte Sonja noch eine Weile an der Tür gestanden und versucht zu begreifen, was dieser Mann so plötzlich in ihr ausgelöst hatte. Ihr Bedürfnis ihm nachzulaufen und ihm ihre Handynummer zu geben war beinahe übermächtig gewesen, dabei war er im Grunde einfach irgendein Mann. Nur war er der Erste, der nicht versucht hatte, ihr an die Wäsche zu gehen.

Wahrscheinlich ist es genau das, was mich verwirrt. Er wollte mich nicht ficken, also ist er für mein verballertes Hirn direkt Superman.

Sonja stand unter der Dusche und verfluchte ihr wildes Herzklopfen. Eivor aka Cay würde sie mental wohl noch eine Weile beschäftigen. Aber wenigstens würde sie ihn nicht wiedersehen, also würde er irgendwann aufhören in ihrem Kopf herumzuspuken.

Oh!

Gerade als sie sich eingeseift hatte, schoss ihr eine Idee durch den Kopf. So schnell es ging, spülte sie sich ab, wickelte sich ein Handtuch um und stieg aus der Dusche. Sie eilte ins Zimmer zurück, schnappte sich Zettel sowie Stift und schrieb drauf los.

Alasdair kam zu sich, als er etwas Kühles und Feuchtes auf seiner Haut spürte. Er versuchte die Augen zu öffnen, doch es bereitete ihm Schmerzen und seine Sicht blieb verschwommen. Auch der Rest seines Körpers wollte ihm nicht recht gehorchen, als er den Versuch unternahm sich zu bewegen. Plötzlich spürte er eine zarte Berührung, die ihn auf seinem Lager hielt.

»Bewegt Euch nicht. Ihr seid schwer verwundet.«

Ihre Stimme klang süß wie Honig und war Musik in seinen Ohren.

»Wo bin ich hier? Und wer seid Ihr?«, brachte er heiser hervor.

Jedes einzelne Wort schmerzte wie tausende Messerstiche in seiner Kehle. Er verspürte einen unsagbaren Durst. Als hätte jemand seine Gedanken gelesen, wurde ihm eine Schale an den Mund gehalten und die junge Frau half ihm seinen Kopf zu halten, damit er trinken konnte.

»Mein Name lautet Catriona. Und Ihr befindet auf dem Land der MacKays. Ich fand Euch an unserer Grenze. Ihr wart dem Tode so nah, dass ich fürchtete, Ihr würdet keinen weiteren Tag überstehen«, setzte sie ihn ins Bild.

Alasdair kam nicht umhin sich zu wünschen ihr Gesicht betrachten zu können. Zweifellos war sie eine wahre Schönheit.

»Ihr pflegtet also meine Wunden seither. Wie viel Zeit ist denn ins Land gegangen, seit Ihr mich fandet?«

»Die Sonne ging nun schon sieben Mal auf. Heut habt Ihr zum ersten Male das Bewusstsein erlangt. Verratet Ihr mir Euren Namen und was Euch in diese Lande führt?«

Nun, da er wach war, schien sie auf der Hut zu sein. Wer konnte es ihr verdenken? Er war ein Fremder. Er hätte ebenso gut ein Feind sein können, der sich mit einer List Zugang in ihr Gebiet verschafft hatte, um sie auszukundschaften. Doch er war nichts dergleichen und hoffte darauf, dass sie ihm glauben würde.

»Alasdair Boyd. Ich war ohne Begleitung auf Reisen und wollte in Erfahrung bringen, was sich jenseits meiner eigenen Landesgrenzen verbirgt. Da mein Clan lediglich von geringer Zahl ist, war ich auf der Suche nach Verbündeten.«

Er hörte, wie Catriona erleichtert ausatmete und spürte sogleich wie sie das feuchte Tuch auf seiner Stirn wechselte.

»Lasst mich Eure Verbände erneuern, damit Euch nicht noch der Tod ereilt«, sagte sie, ohne auf seine Worte einzugehen.

Doch in ihrem Blick lag nun eine gewisse Sanftheit, die er erst noch sehen würde.

 

Gerade als sie den letzten Satz notiert hatte, klopfte es an der Tür. Sie legte den Stift aus der Hand und knüllte die vollgeschriebenen Zettel in ihre Handtasche. Als sie die Tür öffnete, stand ihr Gil mit Sack und Pack gegenüber und musterte sie argwöhnisch.

»Sonja, wieso bist du nicht fertig?! Wir müssen auschecken und losfahren. Du hast heute noch ein Interview, bevor es zurück nach Leipzig geht.«

Sie verdrehte die Augen und schnaufte. Da sie keine große Lust hatte ihm jetzt von ihrer Nacht zu erzählen, ließ sie ihn rein, zog sich an und packte in Windeseile ihre Sachen. Als sie gerade die Handtücher vom Boden aufheben wollte, entdeckte sie etwas neben ihrem Nachttisch. Dort lag ein knapp einen Zentimeter breites, hellbraunes Lederband, mit dunklen Schriftzeichen darauf, die sie nicht entziffern konnte. Doch sie erkannte, dass es keltische Zeichen waren. Scheinbar hatte sie jemand von Hand in das Leder gebrannt.

Hm. Das muss ihm aus seiner Flechtfrisur gerutscht sein, als er mich versorgt hat.

Sonja musste unweigerlich lächeln. Sie hob das Band auf wickelte es sich um ihr Handgelenk, was dem gestressten Gil natürlich nicht entging.

»Was ist das?«

»Ein Armband. Siehst du doch.«

Gil schnaufte.

»So etwas trägst du sonst nie. Das ist überhaupt nicht dein Stil.«

Sonja bedachte ihn mit einem entnervten Blick.

»Und du bist jetzt hier der Modeexperte, oder was? Mister ‚Der Anzug muss doch nicht in die Reinigung – den hau ich in die Waschmaschine – wird schon schiefgehn‘.«

Ihr Manager lief puterrot an und ballte die Fäuste.

»Das war nur das eine Mal und ich habe es danach nie wieder getan. Und lenk nicht vom Thema ab. Irgendwas stimmt heute nicht mit dir. Du bist sonst immer so akkurat und perfekt. Besonders Pünktlichkeit und perfektes Styling sind dir total wichtig. Und jetzt stehst du hier noch im Handtuch, halb nass und bist total durch den Wind, als ich klopfe.«

Er schimpfte richtig mit ihr. Das war sie von Gil auch nicht gerade gewöhnt. Machte er sich ernsthaft Sorgen um sie, weil einmal etwas anders war als sonst?

»Okay. Du reagierst total über. Ich hab einfach nur ein bisschen verschlafen und dann kam mir beim Duschen auch noch eine Idee für mein neues Buch, die ich sofort aufschreiben musste. Also kein Grund auszuflippen. Wir können ja gleich los.«

Sie beobachtete, wie Gil zu einer Erwiderung ansetzte, sich schließlich jedoch dagegen zu entscheiden schien.

»Bist du jetzt beruhigt und hörst auf, dich wie meine Mutter aufzuführen?«, fragte sie in sanftem Ton.

Sie sah ihm an, dass ihm sein Ausbruch unangenehm war. Er nickte und blieb still. Ein wenig hatte sie ein schlechtes Gewissen, weil sie ihm nichts von dem Vorfall erzählte. Aber es würde ihn nur unnötig aufregen und es war schließlich alles gut gegangen. Sie packte ihre letzten Sachen ein und zog den Reißverschluss an ihrem Koffer zu.

»Na dann, lass uns mal losfahren.«

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