Nostalgia Magica – the craft of love begleitet Thea, die ihre Arbeit als Schreinerin liebt und in alten Möbeln und Gebäuden mehr sieht als nur Holz – Geschichten, die bewahrt werden wollen.
Während sie beruflich fest verwurzelt ist, gerät ihr Privatleben immer wieder aus dem Gleichgewicht. Zwischen unglücklichen Begegnungen, unerwarteten Wendungen und einer Reise nach Schottland beginnt für sie ein neuer Abschnitt.
Was als Flucht gedacht ist, wird zu einer warmen, leisen Geschichte über Heilung, Neuanfänge und die Frage, ob man das Glück vielleicht genau dort findet, wo man es nicht erwartet.
Auszug aus dem Roman „Nostalgia Magica – the craft of love“
»So, das war der letzte Stich. Nun bekommen Sie noch einen Verband und dann kann ich Sie für heute wieder entlassen«, sagte der junge Arzt in der Notaufnahme und stellte Thea ein Rezept für Ibuprofen aus.
»Und ich will Sie hier mindestens einen Monat lang nicht mehr sehen. Außer Sie vermissen mich ganz fürchterlich«, sagte er halb ernst, halb im Scherz, als sie gerade zur Tür hinausgehen wollte.
Sie grinste verlegen und nickte. Dr. Sperl war immer besonders nett zu ihr. Sie mochte es, dass er ab und an ein wenig mit ihr flirtete, auch wenn er definitiv nicht ihr Typ war.
»Ich gebe mein Bestes.«
Versprechen konnte sie natürlich nichts. Nicht, dass Thea krank gewesen wäre oder besonders gern ihre freie Zeit in der Notaufnahme verbrachte. Sie war einfach nur so ein unfassbarer Pechvogel, dass man sie problemlos in »Final Destination 6« hätte mitspielen lassen können. Doch das hielt sie keineswegs davon ab trotzdem zur Arbeit zu gehen und Sport zu machen. Gut, wenn sie ehrlich war, hätte sie sich einen weniger verletzungsreichen Job als den einer Schreinerin suchen können. Doch sie liebte die Arbeit mit und am Holz so sehr, dass sie sich ihren Kindheitstraum erfüllt hatte. Als kleines Mädchen hatte sie oft bei ihrem Onkel in der Firma gesessen und ihm zugesehen, wie er alte Türen und Fenster oder auch Möbel restauriert hatte. Der Geruch von sorgsam geschliffenem Holz und frischer Lasur machten sie noch heute glücklich und hinterließen ein warmes Gefühl in ihrem Innern.
Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen als Bürokraft irgendwo an einem Computer zu versauern. Und selbst dabei konnte man sich am Papier schneiden. Kurzum: Die Welt war eine einzige Todesfalle, besonders für jemanden wie Thea.
Wenigstens hatte sie sich heute ausnahmsweise nicht mit der Säge oder dem Bohrer verletzt und war auch nicht wieder auf einen rostigen Nagel getreten, der ihr den Fuß von unten bis oben durchbohrt und eine Erneuerung ihrer Tetanusimpfung beschert hatte. Beim letzten Mal in der Notaufnahme hatte ihr Chef sie mit einem angeknacksten Schlüsselbein ins Krankenhaus gebracht, nachdem sie versucht hatte eine restaurierte Tür zu fangen. Diese hatte ganz oben auf dem Firmenlastwagen gelegen und war ihr beim Abladen plötzlich entgegengerutscht. Jeder andere Mensch wäre der Tür eher ausgewichen und hätte sie zu Boden fallen lassen, als zu riskieren sich zu verletzen. Doch Thea war nicht wie jeder andere Mensch. Lieber tat sie sich ein wenig weh als zuzulassen, dass Stunden harter Restaurationsarbeit und ein schönes Ergebnis ruiniert wurden.
»Gott sei Dank bin ich echt gut in meinem Job, sonst hätte Robert mich wohl schon längst gefeuert, bei meiner Verletzungsrate«, murmelte sie vor sich hin, während sie ihren roten Citroen C1 aus der Tiefgarage des Krankenhauses manövrierte.
Dieses Mal hatte sie kein Arbeitsunfall ins Krankenhaus gebracht. Sie war ganz klassisch beim Inlinern gestürzt und hatte eine Glasscherbe im Unterarm stecken gehabt, was ihr eine turbulente Fahrt in ihrem eigenen Auto beschert hatte. Um die Blutung zu stoppen hatte Thea sich auf die Schnelle ihr Tanktop fest um den Arm gebunden, die Inliner in den Kofferraum geworfen und war ins Auto gesprungen. Es musste ein Bild für die Götter gewesen sein, als sie in Sport-BH, Shorts und Knieschützern, nur mit Socken an den Füßen und einem Blutdurchtränkten Stofffetzen am Arm in der Notaufnahme aufgetaucht war.
Zumindest war diese Verletzung vergleichsweise harmlos und hatte lediglich mit sechs Stichen genäht werden müssen. Der Samstag konnte also weitergehen. Immerhin hatte sie abends eine Verabredung, auf die sie sich seit Wochen freute.
»Billy, Billy don’t you lose my number. Cause you’re not anywhere that I can find you…«, sang Thea lauthals den Phil Collins Song mit, während sie unter der Dusche stand und sich einseifte.
Dabei sparte sie ihren linken Unterarm aus, um den Verband auf der frischgenähten Wunde nicht nass zu machen. Wenn die Naht – aus welchem Grund auch immer – wieder aufgehen sollte, würde Dr. Sperl sie zur Schnecke machen.
Poch, poch, poch.
Thea drehte das Wasser ab und lauschte. Nichts. Nur Phil sang weiter sein Lied. Schulterzuckend machte sie das Wasser wieder an.
Poch, poch, poch.
Jetzt war es energischer und kam definitiv nicht aus dem Radio. Wieder stellte sie das Wasser ab. Dieses Mal wollte sie sicher gehen und stieg aus der Dusche. Mit einem Handtuch umwickelt ging sie zur Wohnungstür und machte auf.
»Oh wow. So willst du mit mir ausgehen? Gewagt, gewagt, meine Liebe«, wurde sie von Sonja mit hochgezogenen Augenbrauen begrüßt, bevor die beiden Frauen in schallendes Gelächter ausbrachen und sich fest umarmten.
»Wolltest du nicht erst in ner Stunde da sein? Versteh mich nicht falsch, ich freue mich riesig. Aber ich bin noch nicht annähernd fertig«, meinte Thea, während sie ihre beste Freundin in die Wohnung ließ.
Diese erhob mahnend den Zeigefinger und schüttelte den Kopf.
»Nein, nein. Ich hatte dir geschrieben, dass ich heute Punkt 18 Uhr bei dir aufschlage. Und nachdem du gefühlt drei Stunden gebraucht hast bis zur Tür zu kommen und geschuldet unserer feuchten Umarmung, ist es sogar schon 18.05 Uhr. Also zacki zacki jetzt. Ich will singen gehen«, trällerte Sonja die letzten Worte regelrecht und wirbelte durch den schmalen Flur von Theas Wohnung.
Diese musste lachen und warf dabei einen Blick auf die Uhr im Flur, die 17.05 Uhr anzeigte. Hm. Ich sollte die unbedingt auf Sommerzeit umstellen. Wobei…Ist ja eigentlich schon fast wieder Herbst…im Juli.
»Okay, warte kurz. Ich wasch mir nur noch schnell den Schaum runter. Machs dir schon mal gemütlich!«, rief Thea auf dem Weg ins Bad und sprang noch einmal unter die Dusche.
»Das Outfit ist doch wohl nicht dein Ernst, Süße. So nehme ich dich nicht mit in die Karaokebar«
Sonja betrachtete die Sachen, die Thea sich rausgelegt hatte.
Diese zog sich gerade Slip und Sport-BH an, während ihre Freundin begann ihren kleinen begehbaren Kleiderschrank zu durchwühlen. Thea verstand überhaupt nicht, was an Cargo Hosen, einem Tank Top und einer Sportjacke falsch war. Sie gingen schließlich nicht in einen Nobelschuppen, sondern zu »Cocos Karaokebar«, wo man noch Erdnüsse aus Plastikschalen und Cocktails zum halben Preis bekam.
»Hier. Das ist besser«, meinte Sonja und ihre hellen blauen Augen strahlten sie glücklich an.
Thea blickte auf einen schwarzen Faltenminirock, ein hautenges hellblaues Spaghettiträgertop mit tiefem Ausschnitt und eine graue Strumpfhose. Gott, diese Sachen hatte sie seit Jahren nicht mehr angezogen! Dass sie noch im Schrank waren, lag nur daran, dass sie schon ewig nicht mehr zum Ausmisten gekommen war. Thea sah ihre Freundin unsicher an.
»Sonja, ganz ehrlich. Ich bin Ende zwanzig. Ich bin zu alt, um sowas zu tragen. Damit sehe ich doch aus wie….«
Sie wedelte unschlüssig mit den Armen herum, weil Sonja etwas ganz Ähnliches trug und sie sie nicht beleidigen wollte. Im Grunde hätten die beiden Frauen rein äußerlich kaum verschiedener sein können.
Sonja war ein farbenfroher, weißblonder Wirbelwind mit einem engelsgleichen Gesicht und einer Figur, auf die jedes Playboy-Häschen neidisch gewesen wäre. Doch wer dachte sie sei leicht zu haben oder gar dumm, der war schief gewickelt. Diese Frau war eine der bekanntesten Schriftstellerinnen für historische Liebesromane in ganz Deutschland, weshalb sie sich auch nur alle paar Monate sehen konnten. Es war unglaublich wie zahlreich begeisterte Leserinnen und Leser zu ihren Signierstunden erschienen.
Thea dagegen war das Ebenbild der Durchschnittlichkeit. Zumindest war sie selbst dieser Meinung. Ihre braunen Locken fielen, wie sie wollten und waren nur schwer zu bändigen. Wenn sie mal mit feuchten Haaren ins Bett ging, konnte sie sich darauf verlassen am nächsten Morgen wie ein Besen auszusehen. Dann half es nur noch eine Mütze überzuziehen und zu hoffen, dass sich ihre Frisur wenigstens ein wenig plattdrückte.
Da Thea zudem weiß wie eine Kalkwand war und viele Sommersprossen im Gesicht hatte, sah es wahrlich seltsam aus, wenn ihre wilden dunkelbraunen Locken dann auch noch in alle Richtungen abstanden. Aber die Arbeit mit dem Glätteisen machte sie sich schon länger nicht mehr.
Außerdem hatte sich alles, was hätte ihr Busen sein können auf ihre Hüften verlagert. Deshalb war sie obenrum flach wie ein Brett und hatte untenrum ein – wie ihre Mutter es liebevoll nannte – gebärfreudiges Becken. Immerhin war sie dank ihrer Arbeit sehr durchtrainiert, sodass sie zumindest kein überschüssiges Fett am Körper hatte.
»Hei, Miss Komplexe ohne Ende. Bist du noch da? Ich sehe doch was da oben abgeht«, unterbrach Sonja Theas selbstkritische Gedankengänge.
Thea sah ihre Freundin an, grinste schief und ergab sich seufzend ihrem Schicksal.
»Okay, okay. Weil du es bist.«
»Das wollte ich hören.«
Nachdem sie sich angezogen hatte und sich im Spiegel betrachtete, musste sie zugeben, dass es gar nicht so schlecht aussah. Natürlich war es kein Vergleich dazu wie attraktiv Sonja war, aber das war auch als würde man einen Golden Delicious mit einer überreifen Kiwi vergleichen.
»Oh ja, wir sind schon zwei heiße Sahneschnitten. So rocken wir die Bühne garantiert«, freute Sonja sich und zog ihre Freundin förmlich aus der Wohnung, bevor sie es sich anders überlegen konnte.
»Komm schon Kiki Dee. Lassen wir’s krachen!«
Kurz nach 20 Uhr stiegen sie aus der Straßenbahn und stöckelten zu »Cocos Karaokebar«, wo bereits einiges los war. An der Tür wurden sie von einem alten Mann im weißen Anzug samt Fedora und Sonnenbrille begrüßt, der Coco höchst selbst war. Offenbar wollte er es sich trotz seines Alters nicht nehmen lassen nah bei seinen Gästen und somit Teil der Party zu sein. Thea fand das sehr sympathisch.
Draußen war die Dämmerung noch nicht einmal annähernd in Sicht, während in der Bar die schummrige Beleuchtung für eine ganz besondere Atmosphäre sorgte. In den Sitzecken um die kleine Bühne hatten sich schon einige Gruppen gedrängt, sodass Thea und Sonja sich beeilen mussten noch einen Platz zu bekommen. Vor der Bühne gab es eine Tanzfläche, die durch schwarze runde Tische mit je zwei Stühlen begrenzt wurde und nach rechts in eine klassische Massiv-Holztheke überging. Kaum hatten die beiden ihre Drinks bestellt, wurden sie ihnen auch schon serviert.
»Hier eine Pina Colada für den blonden Engel und ein Zombie für die wildlockige Schönheit«, säuselte der Kellner und zwinkerte den Frauen anzüglich zu.
Thea und Sonja bedankten sich bei ihm und richteten ihre Aufmerksamkeit aufeinander.
»Na dann. Auf einen wilden Mädelsabend und heiße Eroberungen«, meinte Sonja und hob vielsagend die schmalen Augenbrauen.
Thea lachte kopfschüttelnd, stieß mit ihr an und nahm einen großen Schluck, der ihr sofort die Hitze ins Gesicht trieb. Sie hätte wohl doch etwas zu Abend essen sollen. Das konnte noch heiter werden. Schnell bediente sie sich an den Erdnüssen auf dem Tisch und stopfte sich eine Handvoll in den Mund.
Allmählich wurde die Bar voller und die ersten Songwünsche gingen bei Coco ein, dessen Liederliste definitiv in den späten 90ern stecken geblieben war. Thea gefiel das ganz gut. Besonders den Klassikern hörte man gern zu und jeder konnte sie mitsingen.
»Wie lange bleibst du dieses Mal eigentlich hier?«, fragte Thea, während der erste Mutige die Bühne betrat und »99 Luftballons« zu singen begann.
Sonja überlegte einen Moment und schien innerlich ihren Terminplaner durchzugehen.
»Naja, bis Montag sollte es gehen. Danach muss ich mich mit den Verlagsleuten für die Besprechung zu meinem neuen Roman treffen. Ich schreibe nämlich über die geheimen Eskapaden der Stuarts. Eine sexy schottische Tragödie sage ich dir«
Sonja rollte die Augen.
»Also können wir uns gern nochmal sehen, jetzt am Wochenende«, fügte sie hinzu.
»Oh ja, auf jeden Fall. Bevor wir uns dann wieder monatelang nicht sehen und kaum hören, weil du ja unbedingt eine berühmte Autorin werden musstest«, sagte Thea und streckte ihrer Freundin die Zunge raus.
Diese lachte auf, legte ihren Arm um sie und drückte sie fest an sich.
»Ich weiß. Ich bin eine schreckliche beste Freundin. Aber heute lass ich‘s dafür umso mehr mit dir krachen. Und Sonntag gehen wir noch nen richtig guten Kaffee trinken. Morgen habe ich meinen Eltern versprochen mich bei ihnen blicken zu lassen.«
Das klang nach einem guten Plan.
Unterdessen war der erste Sänger fertig und verließ unter tosendem Applaus einer angeheiterten Gruppe die Bühne. Er begab sich zu einer größeren Männergruppe, die sich so eng in eine der Sitzecken gequetscht hatten, dass sie schon beinahe übereinandersaßen. Thea sah belustigt zu, wie der Kerl sich zwischen seine Freunde quetschte und von jedem ein High Five für seine Gesangsleistung bekam. Als er bei seinem letzten Kumpel ankam und sich setzte, nahm sie gerade noch einen Schluck von ihrem Cocktail, als sie ihn erkannte. Sie verschluckte sich fürchterlich und drehte sich hustend zu Sonja um, die ihr sogleich kräftig auf den Rücken klopfte und sie fragte was los sei.
»Geht’s wieder?«
»Ja, alles gut. Danke. Ich hab nur gerade gesehen, dass einer meiner Arbeitskollegen hier ist.«
Sie warf noch einmal einen kurzen Blick rüber.
Danny saß dort ganz entspannt, trank sein Bier und sah zu, wie der nächste Sänger des Abends die Bühne betrat. Bisher hatte sie ihn nie in privater Kleidung gesehen. Auf der Arbeit hatte er stets die standardisierte Engelbert Strauss Arbeitshose und einen ausgeleierten Pullover oder eine Jacke voller Holzlacke und Farbe an. Sie arbeiteten ganz gut miteinander, wenn auch noch nicht lange, da Danny erst vor ein paar Monaten neu in ihrem Betrieb angefangen hatte. Ab und an flirteten sie ein wenig in den Kaffee- oder Raucherpausen miteinander, verabredeten sich jedoch nie zu etwas. Das hatte ihr bisher gereicht. Immerhin war es selten eine gute Idee Arbeit und Privates zu vermischen. Doch jetzt, wo sie ihn in dieser Location sah, eine ausgewaschene Jeans und ein schlichtes schwarzes T-Shirt tragend, während seine eisblauen Augen durch den Raum wanderten, da fand sie ihn irgendwie…
»Uhuuu…Ist das der heiße Typ ganz rechts in der Sitzecke, der gerade zu uns rüber sieht?«, fragte Sonja und prostete ihm zu.
Thea sah von Sonja wieder zu ihm und stellte fest, dass es stimmte. Danny hob sein Bier und prostete ihnen beiden zu, wobei er ziemlich überrascht wirkte sie hier zu sehen. Sie grinste kurz und nickte. Ihr Herz klopfte wie wild und sie wusste, dass ihr Gesicht gerade feuerrot sein musste.
»Wäre der nichts für dich, Thea?«, fragte Sonja.
»Nein, nein. Das würde nicht gut gehen. Er ist mein Arbeitskollege und ich kenne ihn privat gar nicht.«
»Ja und? Er ist süß und heute seid ihr beide ganz privat hier. Du lebst schon viel zu lange wie eine Nonne. Wag auch mal was. Was hast du schon zu verlieren?«, redete Sonja auf sie ein und drückte ihr ihren Drink wieder in die Hand.
Thea wusste, dass Sonja damit recht hatte. Es schadete nicht zumindest ein wenig das Wasser zu testen. Vielleicht würde sie in den nächsten Wochen mal versuchen einen Kaffee mit ihm trinken zu gehen, um die Lage zu sondieren. Heute war Mädelsabend.
»Alles klar. Ich überleg es mir.«
Sonja sah sie prüfend an und schien nicht wirklich zufrieden mit dieser Antwort. Aber sie sagte nichts dazu. Dafür bestellte sie ihnen noch zwei Cocktails und neue Erdnüsse.
Wenig später wurde die Stimmung in der Bar immer ausgelassener. Während weiterhin mutige Leute auf der Bühne ihre Versionen berühmter 70er, 80er und 90er Jahre Songs zum Besten gaben, tanzten und sangen die anderen Gäste lautstark mit. So auch Sonja und Thea, die irgendwann an vorderster Front standen und jedes Lied Arm in Arm mitgrölten. Thea hatte eine richtig gute Zeit und genoss den Abend in vollen Zügen. Ab und an sah sie noch einmal verstohlen zu Danny, der sich eher im hinteren Bereich der Tanzfläche aufhielt, sie aber stets im Auge zu haben schien.
»Danke an Anton, für seine beeindruckende Darbietung von Herbert Grönemeyers Mambo. Und jetzt einen kräftigen Applaus für Sonja und Thea!«, kündigte Coco in gekonnter Moderation an und traf Thea damit vollkommen unvorbereitet.
Sie sah zu Sonja, die bereits auf dem Weg zur Bühne war. Diese lächelte sie vielsagend an, reichte ihr die Hand und zog sie sanft mit sich.
»Dein Ernst?! Was ist, wenn ich das Lied nicht kenne? Dafür bin ich definitiv nicht betrunken genug«, versuchte sie sich herauszuwinden.
Doch Sonja reichte ihr lediglich das zweite Mikrofon.
»Keine Sorge. Du kennst es.«
Thea stand wie angewurzelt auf der Bühne und spürte, wie alle Blicke auf sie und Sonja gerichtet waren. Glücklicherweise war die Menge schon so angeheitert, dass sie bereits bei den ersten Takten des Liedes lauthals jubelten und pfiffen, was Thea dazu veranlasste sich einen Ruck zu geben und für Sonjas Elton John die Kiki Dee zu sein. Auch wenn es ihr sterbenspeinlich war.
»Don‘t go breaking my heart«, begann Sonja.
»I couldn’t if I tried«, sang Thea zögerlich weiter.
»Honey if I get restless«
»Baby you’re not that kind«, sangen sie im Wechsel weiter und die Menge stieg beim Refrain mit ein.
Bis dahin hatte auch Thea ihre anfänglichen Hemmungen endgültig fallen lassen und tanzte mit Sonja auf der Bühne herum, während sie munter weitersangen. Es war ein riesiger Spaß. Als sie fertig waren, wurden sie unter tosendem Applaus von der Bühne begleitet und blieben gleich auf der Tanzfläche, um sich weiter zu vergnügen.
Ihr Auftritt war auch Danny nicht entgangen, denn er bahnte sich seinen Weg an den Männern vorbei, die mit ihm in der Bar waren, um dann vor Thea stehen zu bleiben und sie einen Augenblick lang von oben bis unten zu mustern. Seine eisblauen Augen schienen sie regelrecht zu verschlingen. So hatte er sie noch nie betrachtet.
»Mensch, dass ich dich mal ohne Arbeitshose und ausgeleiertes T-Shirt sehen würde, hätte ich nicht gedacht«, sagte er grinsend.
Thea zuckte die Schultern und versuchte so locker wie möglich zu wirken, obwohl er ihr, jetzt wo er so nah war, die Knie ganz schön weich werden ließ. Der Kerl hatte eine immense Ausstrahlung, wenn er es darauf anlegte. Auf der Arbeit war er ihr eher durchschnittlich vorgekommen.
»Tja, ich kann, wenn ich will. Meistens will ich nur nicht«, konterte sie.
Danny kam noch etwas näher, beachtete Sonja gar nicht, die neben Thea stand und flüsterte:
»Du solltest öfter wollen. Du kannst echt heiß sein.«
Für gewöhnlich konnte Thea mit solchen Äußerungen nichts anfangen und hätte Danny gleich darauf stehen lassen. Doch irgendwie hatte er etwas. Vielleicht waren es auch nur die zwei Zombies, die sie auf leeren Magen getrunken hatte. Sie lächelte und sah an ihm vorbei zu Sonja, damit sie sie aus der Situation holte. Doch ihre Freundin grinste nur anzüglich, biss sich auf die Unterlippe und signalisierte Thea, dass sie sich ranmachen sollte. Diese Frau war einfach unverbesserlich. Und kein Stück hilfreich.
»Danke für das Kompliment«, meinte sie.
»Hast du Lust zu tanzen?«, fragte Danny.
»Ich kann nicht tanzen. Nur unelegant herumzappeln«, gestand sie, obwohl sie schon Lust hatte ihm auf der Tanzfläche näherzukommen.
Als hätte er dasselbe gedacht, zog er sie plötzlich mit sich.
Sonja setzte sich währenddessen mit ihrem Cocktail zu Dannys Männergruppe und genoss die Aufmerksamkeit der Herren. Sie war zwar nicht wirklich an ihnen interessiert, aber flirten machte immer Spaß. Thea hatte unbedingt mal wieder einen echten Mann in ihrem Leben nötig. Und wenn es nur für ein wenig Action im Bett war. Danny schien dafür genau der Richtige zu sein. Der Junge war ganz sicher Dynamit pur. Jetzt musste das Mädel sich nur noch drauf einlassen. Sonja hoffte, dass sie ihre Freundin ein wenig hatte anschubsen können.
Sobald sie zwischen den anderen Gästen auf der Tanzfläche waren, griff Danny sie an der Hüfte und führte ihre Bewegungen mit seinen Händen, wobei er den Abstand zwischen ihren Körpern auf ein Minimum reduzierte. Thea staunte über sein Selbstbewusstsein, das sie augenblicklich in seinen Bann zog. Anfänglich konnte sie ihm gar nicht in die Augen sehen und guckte sich mehr in der Umgebung um. Mit der Zeit wanderte ihr Blick zumindest auf sein Kinn, welches ein kleines Grübchen zierte und sie schaffte es, sich beim Tanzen zunehmend zu entspannen. Und gerade als sie glaubte sich an seine Nähe gewöhnt zu haben, legte er einen Finger unter ihr Kinn und zwang sie ihm in die Augen zu sehen.
Als sein Blick ihren traf, war Thea wie erstarrt. Sie konnte weder wegsehen noch einen klaren Gedanken fassen. Was war das nur?
»Ich glaube wir sollten mal auf ein Date gehen«, sagte er und Thea nickte ohne zu zögern.
»Gut. Ich hol dich morgen Abend um acht ab.«
Thea nickte erneut und brachte ein Lächeln zustande.
Wenig später verabschiedete Danny sich und zog mit seiner Gruppe in die nächste Bar, während Thea auf wackeligen Beinen wieder zu Sonja an den Tisch kam. Sie setzte sich zu ihrer Freundin und trank erst einmal etwas.
»Meine Güte, wieso bin ich nur so durch mit der Welt?«, fragte Thea und fasste sich an den Kopf.
Sie war schließlich sonst nicht empfindlich was gutaussehende Männer anging.
»Das könnte daran liegen, dass der Junge praktisch Sex auf zwei Beinen ist. Der überschüttet einen richtig mit seinen Pheromonen«, meinte Sonja darauf.
»Glaub mir, der ist unfassbar scharf auf dich. Wenn er gedurft hätte, hätte er dich umgehend auf dem Klo gefickt«, setzte sie nach.
Thea sah sie verdattert an.
»Oh man. Ich schnalle sowas immer nicht. Und wir haben morgen Abend ein Date.«
Sonja bekam große Augen und wollte Details wissen. Dazu konnte Thea nur nicht viel sagen, da Danny ihr nicht gesagt hatte, wohin er mit ihr wollte.
»Oha. Na, da bin ich mal gespannt. Kannst mir dann Sonntag erzählen wie’s war. Und glaub mir, da wird was laufen. Ganz sicher.«
Sonja zwinkerte ihr zu und Thea schüttelte darüber den Kopf. So gut wie sie Bescheid wusste, hätte man meinen können, dass sie die absolute Beziehungsexpertin war. Doch Sonja selbst war schon seit Jahren Single. Ihr war keiner gut genug und diese ganzen Fuckboys langweilten sie nur. Wenn man ihr sagte, dass es zu jedem Topf einen Deckel gab, dann bezeichnete sie sich stets als verbeulte Bratpfanne. Eigentlich schade.
Aber wer war Thea darüber zu urteilen?
Nach ihrem letzten Freund vor knapp zwei Jahren, hatte sie sich nur noch auf die Tischlerei konzentriert. Conrad war ein guter Mann gewesen. Sie hatten sich über ihren Freundeskreis kennengelernt und Jahre gebraucht, um ein Paar zu werden. Zunächst waren sie sehr gute Freunde gewesen und hatten sich über lange Zeit hinweg ineinander verliebt. Und genau das hatte ihre Beziehung für Thea ganz besonders gemacht. Sie hatte ihm alles erzählen können, hatte sich bei ihm wohl und geborgen gefühlt. Er war ihr bester Freund gewesen. Dadurch war ihre Liebe mit der Zeit sehr innig geworden.
Sie hatten geplant, dass er nach seinem Studium wieder zu ihr nach Leipzig ziehen würde, damit sie sich ein gemeinsames Leben aufbauen konnten. Thea hatte wegen seines Studiums lange eine Fernbeziehung mit ihm geführt. Doch nur wenige Tage vor ihrem gemeinsamen Umzug hatte er gesagt, dass er das nicht könne und ihr den Laufpass gegeben. Es hatte sie vollkommen unerwartet getroffen. Sie hatten bis dato nie gestritten oder dergleichen. Er hatte keinerlei Zweifel geäußert.
Bis heute hatte er ihr nie erklären können, weshalb er nicht bereit gewesen war mit ihr zusammenzuziehen. Denn er hatte wieder und wieder beteuert er würde sie lieben. Noch Monate später. Zu Theas Glück hatte Sonja sie abgelenkt und auch ihre Arbeit in Roberts Traditionsbetrieb hatte sehr geholfen.
Dennoch war der Schmerz nie ganz verschwunden. Noch heute konnte sie ihn nicht wirklich für das hassen, was er ihr angetan hatte. Ab und zu vermisste sie Conrad sogar. Doch es war sinnlos sich weiter an ihre alte Beziehung zu klammern. Sie würde nie mehr das werden, was sie einmal gewesen war, selbst dann, wenn sie ganz von vorn anfangen würden. Offenbar hatte doch etwas zwischen ihnen gefehlt und er war schlicht weg nicht der Richtige für sie gewesen. Dabei hatte sie gehofft mit ihm endlich ankommen zu können, nachdem sie vor vielen Jahren ihre erste große Liebe aus den Augen verloren hatte.
Von daher war es eigentlich gut, dass Thea heute Abend auf Dannys privates Selbst getroffen war. Seine Anziehung irritierte sie zwar aufs Extremste, aber sie war dadurch neugierig genug, um sich auf ein Date mit ihm einzulassen. Und wenn es nur damit endete, dass sie ihn wieder zum Arbeitskollegen degradierte, dann war das auch okay.
»Klar. Ich werde dir alle Details erzählen. Und jetzt lass uns noch ein Liedchen singen gehen.«, sagte Thea und sie wurden für »Abenteuerland« von »Pur« aufgerufen.
Gordon stellte seine große Reisetasche auf dem Boden ab und warf sich erschöpft auf das schmale Bett des Pensionszimmers. Zum Glück hatte Cathrin mittlerweile einen freien Raum, da ihre Tochter vor einigen Jahren ausgezogen war. Nun hatte er etwas, wo er nächtigen konnte, bis er das Dach am Haus seiner Großeltern abgedichtet hatte und etwas kaufen konnte, worauf Schlafen annähernd möglich war. Er war seit vielen Jahren nicht mehr hier gewesen. Seine Großeltern waren schon länger nicht mehr am Leben und allzu oft hatte er sie auch nicht gesehen, da eine Reise in diese entlegene Ecke teuer und aufwendig war. Zu seiner Einschulung waren sie einmal in Deutschland gewesen und er war als kleiner Junge mal für ein paar Wochen hier gewesen.
Oh je, da liegt ja ne Menge Arbeit vor mir. Nach der Hütte hat seit Jahren niemand mehr gesehen. Aber sie verfallen lassen ist auch blöd. Mal sehen, was ich allein schaffe. So bin ich wenigstens weg von dem ganzen Mist in der Heimat, dachte er und machte sich auf den Weg nach drüben, um nachzusehen, wie schlimm es wirklich war.
Sein Handy ließ er liegen. Er wollte nicht, dass es ihm seinen ersten Abend hier versaute.
Punkt 20 Uhr klingelte es. Thea war erstaunt, wie pünktlich er war.
»Komm doch kurz hoch. Ich brauch noch ein paar Minuten«, sagte sie in die Gegensprechanlage und tupfte sich ihre genähte Wunde trocken, die erneut angefangen hatte zu bluten, als sie vor wenigen Minuten gegen den Türrahmen zum Wohnzimmer gerannt war. Danny kam gerade zur Tür rein, als Thea ihm eine Mullbinde in die Hand drückte und ihn bat ihr beim Anlegen des neuen Verbandes zu helfen.
»Vielleicht solltest du langsam ein Verbandsabo beim DRK abschließen. Die müssen echt ein Vermögen mit dir verdienen«, witzelte er, als er Thea kopfschüttelnd den Verband anlegte und anschließend ein Pflaster zur Befestigung anbrachte.
»Ja ja, ich weiß. Aber ein paar Narben mehr oder weniger sind mittlerweile auch egal. Danke dir«, meinte sie darauf und schnappte sich ihre Umhängetasche, damit sie losgehen konnten.
Danny sah sie prüfend an und schien sich unsicher zu sein, ob ihm gefiel, was er sah.
»Was ist? Nimmst du mich so nicht mit?«, fragte sie und sah an sich herunter.
Sie hatte ein hautenges schwarzes Tanktop und eine olivgrüne Cargo Hose an. Sexy und bequem. Das war zumindest ihre Meinung. Doch Danny schien das anders zu sehen.
»Hm…ach, naja. Für das, was wir vorhaben, wird es schon okay sein.«
Er grinste und bedeutete ihr, dass sie gehen konnten.
Thea wunderte sich etwas über diesen Kommentar, aber Danny war schon immer recht plump gewesen, wenn sie sich unterhalten hatten. Sie brauchte wohl keine unnötige Höflichkeit von ihm erwarten, auch wenn er sie auf ein Date ausführte. Das konnte ein interessanter Abend werden. Hoffentlich wurde es nicht zu unangenehm, sodass sie weiterhin gute Kollegen bleiben konnten.
»Ich weiß es ist lahm. Aber ich dachte mir, dass Kino immer ne gute Idee ist. Passt dir das?«, meinte er, als sie gemeinsam in die Straßenbahn stiegen und Platz nahmen.
Thea nickte und spürte direkt, wie ihr durch seine Nähe wieder die Hitze in die Wangen stieg. Mist!
Selbst wenn sie nüchtern war, hatte dieser Kerl eine unfassbare Anziehungskraft. Sie krallte ihre Finger in den Stoff ihrer Hose und atmete tief durch. Natürlich entging es Danny nicht und er lehnte sich zu ihr rüber. Dabei legte er seinen Arm auf die Stange an ihrer Rückenlehne, was es definitiv nicht besser machte.
»Alles gut? Mach ich was falsch?«, fragte er.
»Nein, das nicht. Ich bin nur etwas durch den Wind.«
»Wieso?«
Er schien nicht zu verstehen, wie er gerade auf sie wirkte und was seine Nähe in ihr anrichtete. Oder er wusste es ganz genau und legte es darauf an. Schon jetzt kribbelte alles in ihr, wenn er so nah war, dabei hatten sie einander weder großartig berührt noch sich über anzügliche Themen unterhalten. Dass Thea seit Jahren keinen Mann mehr gehabt hatte, half auch nicht gerade. Bis gestern hatte sie das allerdings herzlich wenig gestört. Und jetzt hatte sie das Gefühl, dass Danny sie mit seiner puren Ausstrahlung auszog und ihren Körper erforschte. Er war fast wie eine Naturgewalt.
»Ich…ähm…ich hatte einfach nur schon seit Jahren kein Date mehr. Deswegen bin ich ein bisschen nervös. Verstehst du?«, sagte sie leise und hoffte, dass er nun vielleicht etwas weniger forsch sein würde.
Doch das Gegenteil war der Fall. Danny schien dieses Geständnis sogar sehr glücklich zu machen, denn er rückte augenblicklich näher an Thea heran und flüsterte ihr ins Ohr.
»Umso besser. Dann werde ich dafür sorgen, dass du einen unvergesslichen Abend hast.«
Seine Nase streifte ihre Ohrmuschel und Thea lief ein wohliger Schauer über den Rücken. Sie biss sich auf die Unterlippe und hasste ihn ein wenig dafür, dass er so gnadenlos mit ihr war. Denn als sie ihm in die Augen sah, wusste sie, dass er sich seiner Wirkung auf sie durchaus bewusst war.
Gott, wie konnte ihr bei der Arbeit nie aufgefallen sein, dass der Junge wandelndes Dynamit war? Dabei war er ihr dort auch ab und an nähergekommen. Vielleicht konnte er diese Anziehung auch gezielt wie eine Superkraft einsetzen. Sie wusste es nicht. Interessanterweise fühlte sich seine plötzliche Nähe nicht unangenehm oder unangebracht an. Nur etwas überfordernd für Thea, deren engster Körperkontakt in den letzten zwei Jahren die manuelle Therapie für ihren Rücken gewesen war, die eine stämmige Frau mittleren Alters mit unangenehmem Körpergeruch durchgeführt hatte.
»Ich freu mich drauf«, sagte sie ehrlich, auch wenn sie nervös war.
Sie wollte den Abend ernsthaft genießen. Und Danny war dafür sicher eine gute Partie. Denn seine ganze Wesensart schien Spaß ohne Reue zu versprechen.
Wenige Minuten später stiegen sie aus der Tram und betraten gleich darauf das Kino, welches in einer großen Einkaufspassage lag. Die Geschäfte umher hatten bereits geschlossen und die Schaufenster waren spärlich beleuchtet, was die Schaufensterpuppen seltsam geheimnisvoll wirken ließ.
Im Kassenbereich des Kinos kaufte Danny zwei Tickets für einen Actionfilm mit Bruce Willis und Thea bezahlte wortlos für die Snacks, worüber er sich nicht beschwerte. Sie mochte es ohnehin lieber, wenn man sich Kosten teilte und der Mann nicht automatisch alles übernahm, nur weil er eben der Mann war.
»Ich bin‘s nicht gewöhnt, dass Frauen irgendwas selbst bezahlen, wenn ich ehrlich bin«, gab Danny erstaunt zu, als sie sich auf ihre Plätze im Saal setzten.
Es war kaum etwas los, da der Film bereits einige Wochen im Kino lief und die meisten ihn wohl schon gesehen hatten. Thea selbst hatte tatsächlich überlegt ihn sich anzuschauen, weil sie Actionfilme mochte, hatte aber nicht allein ins Kino gehen wollen. Daher war sie dankbar für Dannys Auswahl.
»Tja, ich bin halt was Besonderes«, scherzte sie und schnitt eine Grimasse, über die Danny sich lautstark amüsierte.
Als Thea sein recht schrilles Lachen hörte, welches seine leicht schief stehenden Zähne entblößte, konnte sie nicht anders als auch zu lachen. Mit ihm, nicht über ihn. Dannys Gelächter tönte so laut durch den Saal, dass die wenigen anderen Besucher sich umdrehten und verwundert zu ihnen hochsahen. Doch das schien ihm herzlich egal zu sein. Als er sich wieder beruhigt hatte, atmete er ein paar Mal tief durch.
»Ja, das bist du schon irgendwie. Du bist ganz anders als die Frauen mit denen ich sonst Dates hab. Bei dir hab ich das Gefühl viel entdecken zu können«, sagte er und sie war überrascht von seiner Direktheit.
Bis der Film losging unterhielten sie sich angeregt. Thea erfuhr, dass Danny eigentlich aus einem winzigen Dorf im Süden kam und für die Arbeit hatte umziehen müssen. Für ihn war die traditionelle Arbeit mit Holz und an alten Möbelstücken noch recht neu, da er in einem Großbetrieb gelernt hatte. Aber Robert – ihr Chef – war ihm sympathisch gewesen, als er bei ihm zum Bewerbungsgespräch gewesen war, also hatte er dem Ganzen eine Chance geben wollen. Und die große Stadt hatte ihn ebenfalls sehr gelockt. Zunächst hatte er sich in den vielen Bars und Diskotheken ausgetobt und so einige Frauenbekanntschaften gemacht.
»Aber das war alles ziemlich oberflächlich. Und auch wenn die alle echt heiß waren, hat immer was gefehlt.«
Er zuckte die Schultern.
Vielleicht ein wenig Hirn?, schoss es Thea sofort durch den Kopf.
Doch sie sprach es nicht aus, da sie ihn nicht beleidigen wollte. Stattdessen lächelte sie und entschuldigte sich kurz vor dem Film noch einmal.
»Bin gleich wieder da. Die Mädchenblase meldet sich«, sagte sie und Danny lachte erneut.
Sie fühlte sich schon nach kurzer Zeit viel lockerer mit ihm. Er verstellte sich nicht und war einfach er. Das gefiel ihr.
Als sie wenig später zurück in den Saal kam und sich neben Danny setzte, begann der Film. Wieder einmal war Bruce Willis, der einen bereits pensionierten Militärtypen spielte, gezwungen sich aus seinem Ruhestand zu bewegen, weil irgendwer die Weltherrschaft an sich reißen wollte und damit ausgerechnet in Amerika anfing. Außerdem entführte der Bösewicht auch noch sein Mädchen, weshalb Bruce natürlich Himmel und Hölle in Bewegung setzte und seine coolsten Sprüche auspackte. Es war genau die richtige Art Film, um mental ein wenig abzuschalten.
Danny schien das ähnlich zu sehen. Denn während die Handlung in Schwung kam, legte er seinen Arm um Thea und zog sie näher zu sich. Sie ließ es geschehen, auch wenn ihr das Herz bis zum Hals schlug. Sie war im Grunde nicht besonders schüchtern. Es war nur schon so lange her, dass sie einem Mann näher als Armlänge gekommen war, dass sie sich wie ein Teenager beim ersten Date seines Lebens fühlte. Hinzu kam, dass Danny einen angenehmen Duft verströmte, der Thea regelrecht zu Kopf stieg. Als er seinen Kopf zu ihr neigte, um ihr erneut etwas ins Ohr zu flüstern, hätte sie beinahe aufgestöhnt.
Was ist das nur? Bruno Banani?
»Dein Hintern schaut in dieser Hose übrigens unfassbar heiß aus. Wenn ich das mal so platt sagen darf.«
Und wie er durfte. Mehr als ein schmales Lächeln brachte Thea nicht zustande und versuchte sich auf den Film zu konzentrieren. Doch das war offensichtlich nicht das, was Danny wollte. Er legte ihr vorsichtig eine Hand an die Wange und drehte ihren Kopf zu sich. Ihr Blick traf den seinen. Und trotzdem sie nicht in romantischer Stimmung war oder das Gefühl hatte, Danny würde Schmetterlinge in ihrem Bauch auslösen, wollte sie dringend wissen, wie er sich anfühlte.
Als er ihr mit dem Daumen über die Unterlippe strich und ihr sein freches Grinsen schenkte, fiel es ihr mit einem Mal sehr schwer einen vernünftigen Gedanken zu fassen. Sie fühlte sich einerseits als würde ein lange schlummernder Vulkan in ihr erneut zu brodeln beginnen und andererseits wie ein Reh im Scheinwerferlicht, das nicht in der Lage war dem Lastwagen auszuweichen. Dannys Blick hielt ihren gefangen, während er sich ihren Lippen immer weiter näherte. Die meisten Männer hätten wohl kurz vor dem ersten Kuss einen Moment innegehalten, um sicherzugehen, dass es auch okay für ihr Date war. Aber Danny war ganz offensichtlich nicht wie die meisten Männer. Sein Selbstbewusstsein schien absolut und aus seiner Sicht unfehlbar zu sein. Denn kaum war er nah genug, schloss er seine Augen und küsste Thea fordernd.
Diese spürte, wie in diesem Augenblick sämtliche Bedenken darüber zerstoben, ob es eine gute Idee war, etwas mit einem Arbeitskollegen anzufangen. Während auf der Kinoleinwand ein Helikopter explodierte und Bruce Willis mit seinem Mädchen in den nächstgelegenen Fluss sprang, spielte Dannys Zunge mit Theas und löste ein Feuerwerk der Lust in ihr aus, welches sie zutiefst erschütterte. Allein das Gefühl dieses leidenschaftlichen Kusses und seine Hand, die ihren Hinterkopf umfasste, ließen ihren Körper unermesslich kribbeln und sie fragte sich wie es wohl sein mochte mit diesem Mann noch tiefere Intimitäten zu erleben.
Als sie sich voneinander lösten, lief bereits der Abspann über die Leinwand und das Licht ging an. Thea war sich sicher, dass sie gerade eine sehr intensive Gesichtsfarbe hatte und fächelte sich Luft zu.
»Alles gut?«, fragte Danny und sah sie belustigt an.
»Ja, schon. Ich bin nur nicht daran gewöhnt, dass ein Mann so gar nichts anbrennen lässt. Bist du immer so forsch?«, fragte sie und sah, wie er sich auf die Unterlippe biss und vielsagend die Augenbrauen hob.
»Ich weiß halt, was ich will. Warum soll ich Zeit damit vergeuden mich für einen schüchternen Jungen auszugeben? So bin ich halt nicht.«
Er beugte sich noch einmal zu ihr rüber.
»Oder hast du Angst?«
Thea schnaufte undamenhaft und verschränkte die Arme vor der Brust.
»Ich hab keine Angst. Ich bin nur etwas überempfindlich. Es ist halt knapp zwei Jahre her, dass ich, naja…«, setzte sie an.
»Dass du gevögelt hast?«, sagte er viel zu laut in den noch nicht ganz leeren Saal.
»Shhh! Meine Güte. Das muss ja nicht gleich jeder wissen.«, zischte sie ihn an und er begann erneut zu Lachen.
Ihm war offensichtlich gar nichts unangenehm.
»Oh Mann. Ich würde schon bei zwei Wochen durchdrehen. Nach zwei Jahren hätte ich wahrscheinlich beidseits ne Sehnenscheidenentzündung im Unterarm«, witzelte er, bevor er sie bei der Hand nahm und sie das Kino gemeinsam verließen.
Thea fand, dass er sich ein wenig wie ein Elefant im Porzellanladen verhielt, so wie er sich ausdrückte und direkt mit allem herausplatzte was ihm durch den Kopf ging. Aber wie ein sehr attraktiver Elefant, dem sie das noch einmal durchgehen lassen würde.
Wenig später stiegen sie aus der Tram und liefen in Richtung von Theas Wohnung. Eins musste sie zugeben. Er war definitiv kein langweiliger Mann. Das hatte er im Kino deutlich unter Beweis gestellt. Außerdem fühlte es sich schön an, wie er ihre Hand hielt. Und trotzdem konnte sie nicht behaupten, dass es gefunkt hatte. Nun, da sie an der kühlen Abendluft unterwegs waren und sie sich ein wenig an seine starke Anziehung zu gewöhnen schien, konnte sie etwas klarer denken. Vielleicht sollten sie einfach dabei belassen, bevor die Dinge anfingen zu kompliziert zu werden.
»Also, es war ja echt ein interessanter Abend mit dir. Aber ich denke es wäre wahrscheinlich besser, wenn…«
Weiter kam sie nicht. Denn im nächsten Augenblick zog Danny sie mit sich, drängte sie an einen dicken Eichenbaum und begann sie wild zu küssen. Für einen Moment schoss ihr durch den Kopf ihn von sich zu schieben. Doch das war sehr schnell wieder vorbei. Für sie gab es plötzlich nur noch seine Zunge in ihrem Mund, seine Hände, die ihre Kurven abfuhren und seinen Körper, der sich mehr und mehr gegen ihren presste. Sie spürte die harte Rinde in ihrem Rücken und den harten Beweis seiner Lust am Zentrum ihrer Weiblichkeit. Thea wusste erneut kaum wo ihr der Kopf stand und es zählte nur noch, wie sie sich mit Danny gerade eben fühlte.
»Lass mich mit rauf kommen und ich zeig dir, was du die letzten zwei Jahre verpasst hast«, befahl er regelrecht, aber mit einem Tonfall, der in Thea keinerlei Bedürfnis weckte nein zu sagen.
»Okay«, brachte sie zwischen zwei verzehrenden Küssen hervor und ging auf wackeligen Beinen voraus zu ihrem Hauseingang.
